Vielleicht sind wir so, damit es so bleibt, wie es ist: Der Mann in der S-Bahn, der mich seit meinem Einstieg anschaut, ohne Aggression, ohne Aufregung, nur mit jenem stillen Interesse, das selbst im unverhohlen gezeigten Zustand noch immer schüchtern daherkommt.
Dann lese ich weiter, blicke auf, er sitzt noch immer dort, blickt unverwandt die junge Frau vier Sitze vor ihm an, die leise lächelnd liest.
Eine Handvoll Stationen später sehe ich auf, er ist fort. Eine Art stilles Verschwinden, noch im Abgang mit unsagbarer Bescheidenheit gesegnet.
Einen Monat später wird er mich vergessen haben.
Wie leicht ist unser Gang.
Wir ham erfahr'n, dass man heut' vor ein paar Jahr'n
den Zeitpunkt günstig fand und dich kurzerhand entband.
Seitdem bist du auf der Welt.
Schön, dass es dir hier gefällt. Alles Gute zum Geburtstag!
Wir wünschen Dir, dass lauter nette Leute,
ganz besonders heute ganz in deiner Nähe sind.
Und dass sie dir vielleicht auch etwas schenken, und dass sie an
dich denken, denn du bist das Geburtstagskind.
Wir wünschen dir im neuen Lebensjahr, dass das, was
gut ist, bleibt, so wie es war, und dass alles, was dich
nervt, sich zumindest nicht verschärft -
Happy Birthday!
Wir wünschen dir, dass du an jedem Morgen fröhlich
ohne Sorgen, deinen neuen Tag beginnst. Und dass du
zwar höchstwahrscheinlich nie die Fernsehlotterie, aber
manchen neuen Freund gewinnst.
Wir wünschen dir im Sommer Sonnenschein,
im Winter soll es ohne Ende schnei'n,
solang du, je nachdem, wie's ist, passend angezogen bist!
Happy Birthday!
Und dass viele Leute dich besuchen und dir
bringen. Ja, das wär' uns recht! Wir hoffen,
du sagst: "Heute ist ein Tag ganz genau, wie ich ihn
mag - Geburtstag haben ist nicht schlecht!"
Und dass du auch in Zukunft ganz ohne Beschwerden
Freude hast am gepflegten Älterwerden.
Also, kurz gesagt - und darum sind wir hier - :
Wir gratulieren dir!
Wise Guys
Alles Liebe zum Geburtstag -
den zwei Menschen, die sich diesen tollen Tag teilen!
Auf einmal kam mir ein Zufall zu Hilfe. Gegenüber auf dem Trottoir erschien plötzlich nicht weit von meiner Unbekannten ein Herr im Frack, schon in gesetzten Jahren, aber mit unsicherem Gange. Er ging schwankend und stützte sich vorsichtig gegen die Häuser. Das junge Mädchen aber schritt, so schnell sie nur irgend konnte, eilig und ängstlich dahin, wie eben alle jungen Mädchen zu gehen pflegen, die nicht wünschen, dass sich jemand erbiete, sie in der Nacht nach Hause zu begleiten, und der schwankende Herr hätte sie sicher nicht eingeholt, wenn mein Schicksal ihm nicht den Gedanken eingegeben hätte, zu einem künstlichen Mittel zu greifen. Auf einmal, ohne ein Wort zu sagen, setzte mein Herr sich in Galopp und rannte spornstreichs meiner Unbekannten nach. Sie lief wie der Wind; aber der taumelnde Herr kam ihr immer näher, erreichte sie, das junge Mädchen schrie auf - und ... ich segne das Schicksal für den vortrefflichen Knotenstock, der sich diesmal zufällig in meiner rechten Hand befand. Im Nu war ich auf dem gegenüberliegenden Trottoir; im Nu begriff der ungebetene Kavalier, wie die Sache stand, würdigte das unwiderlegliche, in meinm Stocke verkörperte Argument, verstummte und blieb zurück; und erst als wir schon sehr weit von ihm entfernt waren, protestierte er in ziemlich kräftigen Worten gegen meine Einmischung. Aber seine Worte drangen kaum mehr zu uns. "Geben Sie mir Ihren Arm", sagte ich zu meiner Unbekannten; "dann wird er nicht mehr wagen, Sie zu belästigen." Sie reichte mir schwigend ihren Arm, der noch vor Aufregung und Angst zitterte. Oh, du ungebetener Kavalier! wie segnete ich dich in diesem Augenblicke! Ich richtete einen flüchtigen Blick auf sie; sie war sehr hübsch und brünett; das hatte ich richtig erraten. An ihren schwarzen Wimpern glänzten noch ein paar Tränchen, ob von der soeben durchgemachten Angst oder von dem vorhergehenden Kummer, das weiß ich nicht. Aber auf ihren Lippen schimmerte schon ein Lächeln. Sie blickte ebenfalls verstohlen nach mir hin, errötete ein wenig und schlug die Augen nieder. "Sehen Sie wohl, warum haben Sie vorhin nichts von mir wissen wollen? Wenn ich bei Ihnen gewesen wäre, so würde nichts passiert sein." - "Aber ich kannte Sie ja nicht; ich dachte, dass Sie ebenfalls..." "Kennen Sie mich denn etwa jetzt?" - "Doch ein wenig. Sehen Sie, zum Beispiel, warum zittern Sie?" "Oh, Sie haben es gleich von vornherein erraten!", antwortete ich, ganz entzückt darüber, dass meine Begleiterin einen so klugen Kopf hatte; das ist neben der Schönheit kein Schaden. Fjodor Dostojewski, Weiße Nächte, Anaconda Verlag, 2007, Köln
Ich sende Dir das
Süßeste, was die Auvergne hervorbringt: Honig. Da er hier jedem
empfindlichen Magen vom Arzt verordnet wird, dachte ich auch an
Deinen, da ich ja an Dein Herz nicht denken darf. Er wurde eigens für
Dich von den am besten dressierten Bienen gemacht, die sich nur von
weißen Akazienblüten zu nähren hatten.
Das Blau war außer sich vor Freude Als wir geboren wurden. Denn zuerst war das Licht Dann folgte das Blau Dann folgte der Mensch Und das Blau erfand ein paar Maler Und dann und wann einen Dichter dazu.
Einmal
hatte ich Amanda, meiner besten Freundin aus der Schulzeit,
versichert, dass ich niemals mit jemandem zusammen sein könnte, der
es nicht toll findet, durch den Regen zu laufen.
Als
der erste uns erwischte, war das wie ein Test. Es war ein richtiger
Platzregen, und als wir die Radio City Music Hall verließen, sahen
wir Hunderte von Leuten, die hektisch versuchten, sich irgendwo
unterzustellen. „Was
machen wir jetzt?“, fragte ich.
Und
du sagtest: „Rennen!“
Also
rannten wir los – schossen die Sixth Avenue hinab, an den letzten
versprengten Konzertbesuchern vorbei, Wasser spritzte auf Schritt und
Tritt, unsere Füße waren klatschnass bis zu den Knöcheln hinauf.
Irgendwann gingst du in Führung, und ich fiel zurück. Aber dann
hast du dich umgedreht, angehalten und gewartet, bis ich aufschloss,
deine Hand nahm und wir weiter durch den Regen rannten, nass bis auf
die Haut und verzaubert, und was ich zu Amanda gesagt, war nicht mehr
Bedingung, sondern Prophezeihung.
David
Levithan, [das] Wörterbuch der Liebenden {Roman}, Graf
Verlag, 2010, Berlin
Ich kehrte erst sehr spät in die Stadt zurück, und es schlug bereits zehn, als ich mich meiner Wohnung näherte. Mein Weg führte mich am Kai des Kanals entlang, wo man um diese Stunde keiner Menschenseele begegnet. Es ist wahr, ich wohne in einem weit abgelegenen Stadtteile. Ich ging und sang; denn wenn ich glücklich bin, summe ich unbedingt etwas vor mich hin, wie das jeder glückliche Mensch tut, der keine Freunde und keine guten Bekannten besitzt und in Augenblicken der Freude niemanden hat, mit dem er seine Freude teilen könnte. Auf einmal stieß mir ein ganz unerwartetes Abenteuer zu. Zur Seite, an das Geländer des Kanals gelehnt, stand eine weibliche Gestalt; mit dem Ellbogen auf das Gitter gestützt, blickte sie anscheinend sehr aufmerksam auf das trübe Wasser. Sie trug ein allerliebstes gelbes Hütchen und eine kokette schwarze Mantille. "Das ist ein junges Mädchen, und gewiss eine Brünette.", dachte ich. Sie schien meine Schritte nicht zu hören und rührte sich nicht einmal, als ich mit angehaltenem Atem und stark pochendem Herzen vorbeiging. "Seltsam!", dachte ich; "gewiss ist sie tief in irgendwelche Gedanken versunken"; aber plötzlich blieb ich wie angewurzelt stehen. Ich hörte ein dumpfes Schluchzen. Ja! Ich hatte mich nicht geirrt: Das junge Mädchen weinte, und einen Augenblick darauf wiederholte sich das Schluchzen mehrmals. Mein Gott! Mein Herz zog sich krampfhaft zusammen. Und wie schüchtern ich auch sonst dem weiblichen Geschlechte gegenüber bin, so war dies doch ein derartiger Augenblick, dass mich meine Schüchternheit verließ. Ich wandte mich um, trat zu ihr hin und hätte zweifellos mit den Worten "Meine Gnädige!" begonnen, wenn ich nicht gewusst hätte, dass diese Anrede schon tausendmal in allen russischen Romanen vorgekommen ist, die in der vornehmen Welt spielen. Dies allein war's, was mir die Zunge lähmte. Aber während ich nach einem Worte suchte, kam das Mädchen aus ihrer Versunkenheit wieder zu sich, blickte um sich, wurde sich ihrer Lage bewusst, schlug die Augen nieder, schlüpfte an mir vorbei und eilte am Gitter entlang. Ich ging sogleich hinter ihr her; aber sie merkte es, verließ die Uferseite, ging quer über die Straße und setzte dort ihren Weg auf dem Trottoir fort. Ich wagte nicht, ebenfalls die Straße zu überschreiten. Mein Herz schlug so heftig wie das eines gefangenen Vögelchens.
Fjodor Dostojewski, Weiße Nächte, Anaconda Verlag, 2007, Köln
Verlassen sind wir doch wie verirrte Kinder im Walde. Wenn du vor mir stehst und mich ansiehst, was weißt du von den Schmerzen, die in mir sind, und was weiß ich von deinen. Und wenn ich mich vor dir niederwerfen würde und weinen und erzählen, was wüsstest du von mir mehr als von der Hölle, wenn dir jemand erzählt, sie ist heiß und fürchterlich. Schon darum sollten wir Menschen vor einander so ehrfürchtig, so nachdenklich, so liebend stehn wie vor dem Eingang zur Hölle.
Hin sind meine Zauberein,
Was von Kraft mir bleibt, ist mein,
Und das ist wenig: nun ist's wahr,
Ich muß bleiben immerdar,
Wenn ihr mich nicht nach Neapel schickt.
Da ich mein Herzogtum entrückt
Aus des Betrügers Hand, dem ich
Verziehen, so verdammet mich
Nicht durch einen harten Spruch
Zu dieses öden Eilands Fluch.
Macht mich aus des Bannes Schoß
Durch eure will'gen Hände los.
Füllt milder Hauch aus euerm Mund
Mein Segel nicht, so geht zugrund'
Mein Plan; er ging auf eure Gunst.
Zum Zaubern fehlt mir jetzt die Kunst:
Kein Geist, der mein Gebot erkennt;
Verzweiflung ist mein Lebensend',
Wenn nicht Gebet mir Hilfe bringt,
Welches so zum Himmel dringt,
Dass er Gewalt der Gnade tut
Und macht jedweden Fehltritt gut.
Wo ihr begnadigt wünscht zu sein,
Lasst eure Nachsicht mich befrein.
William Shakespeare, Der Sturm, Philipp Reclam, 1976, Stuttgart
"Welche Farbe hat die Traurigkeit?", fragte der Stern den Kirschbaum und schwankte auf der Faser einer Wolke. "Hast du nicht gehört? Ich habe dich gefragt, welche Farbe die Traurigkeit hat." "Sie hat die Farbe, die das Meer zu der Stunde annimmt, wenn sich die Sonne in seine Umarmung neigt. Ein tiefes Blau." "Welche Farbe haben die Träume?" "Die Farbe des Mittags, mein Sternchen." "Und die Einsamkeit?" "Die Einsamkeit ist veilchenfarben." "Wie schön die Farben sind! Ich werde dir einen Regenbogen schenken, den du dir überwerfen kannst, wenn du frierst." Der Stern schloß seine Augen und ruhte sich aus. "Und die Liebe? Ich habe vergessen, dich zu fragen, welche Farbe hat die Liebe?" "Die Farbe, die Gottes Augen haben.", antwortete der Baum. "Welche Farbe hat die Leidenschaft?" "Die Leidenschaft hat die Farbe des Mondes, wenn es Vollmond ist." "Die Leidenschaft hat die Farbe des Mondes..., ach so!", sagte der Stern. Er schaute weit ins Leere. Und weinte.
Alkyoni Papadaki, Die Farbe des Mondes, Kalendis Verlag, 1991, Athen
Komme gleich wieder, sagte sie
und ließ die Türe angelehnt.
Es war ein besonderer Abend für uns,
ein Kaninchen köchelte auf dem Herd,
sie hatte Zwiebeln geschnitten, Möhren
in Scheiben und Knoblauchzehen.
Sie hatte nichts übergezogen,
sich nicht geschminkt, ich fragte nicht,
wo sie hinging.
Sie ist eben so.
Nie wirklich eine Idee
von der Zeit, bei Verabredungen spät, so
sagte sie an dem Abend einfach:
Komme gleich wieder,
und zog nicht einmal die Tür zu.
Sechs Jahre nach diesem Abend
treffe ich sie in der Stadt,
und sie scheint mir so erschrocken
wie jemand, der sich erinnert,
das Bügeleisen angelassen zu haben
oder so etwas in der Art ...
Hast du den Herd ausgemacht, fragt sie.
Noch nicht, sage ich,
Jetzt ist die Welt hier. Die Wolken ziehen über den Himmel. Insekten surren in der Luft.
Der Film ist bei einem Bild stehen geblieben: Siddharta sitzt unter dem Feigenbaum. Versteinert.
Der Strom fließt am Blick des Meisters vorbei. Die Vögel flattern über das Wasser. Ihre Flügel zerschneiden die Zeit zu Sekunden.
Fünfundzwanzig Jahrhunderte verstreichen. Ohne mit der Wimper zu zucken sitzt der Fürstensohn wie eh und je unter dem Feigenbaum.
Vögel flattern über das Wasser. Der Strom fließt vorbei.
Wolken ziehen über den Himmel.
Jostein Gaarder, Der seltene Vogel, dtv premium, 1997, München
Ich verlasse die Stadt im Dunkeln
es ähnelt eher einer Flucht
einem Verbrechen
als verließe man seine Frau
Der Taxifahrer schweigt konspirativ
oder ist unerklärlich fröhlich zu dieser frühen Stunde
Noch hat nichts geöffnet
und das Café am Flughafen
ist wüst und leer,
Dann erscheint Gott
ich habe immer gewusst
dass Er eine Frau ist, weiß gekleidet
schaltet das Licht ein, die Kaffeemaschine
stellt einen Aschenbecher auf jedes der drei Tischchen
füllt die Vitrinen mit den heutigen Leckereien
und ihren Namen
Und danach
in den soeben erschaffenen Weiten des Himmels -
Sonne und ein Flugzeug
Wer das Leben allzu sehr beherrschen möchte, leidet unter einer falschen Sehnsucht nach Unsterblichkeit, und daraus ist noch nie etwas Gutes entstanden.
Cees Nooteboom, In den niederländischen Bergen, Suhrkamp Verlag, 1984, Frankfurt am Main
wir pflanzten frisches in den wind, den hügel hinab, durch die siedlung. schon trug man uns früchte nach. und nichts mehr von morgen. plötzlich stürzte sich leben auf uns. ein lächeln, dass wir jeden schmerz bestritten. an jenem tag war das glück ein ort, bei sonnenschein bequem mit dem fahrrad erreichbar. näher als wir dachten.
Tom Bresemann
aus: poet literaturmagazin nr. 8, poetenladen, 2010, Leipzig
Irgendwann wird wieder frühling sein die tür wird offenstehen und wolken von neuen ideen werden durch die straßen wandern du wirst hier sitzen mit deinem frühlingskörper und eine erste zigarette rauchen du wirst in einer zeitung blättern auf der suche nach einer blutigen oder absurden geschichte zufälle werden leuchten wie die gesichter von engeln nach einer langen und schwierigen krankheit und dein bewußtsein wird schwelgen in den gerüchen einer fernen fremden welt du wirst dich bemühen deine gedanken zu zügeln die mit sechs bis acht einhornbeinen durch die lüfte galoppieren etwas leichtes wird sich zeigen eine jenseitige substanz aus eigensinn und magie erinnerungen werden aufklingen und von den dächern der zukunft wird dein gesicht herabspringen mitten hinein in den glänzenden augenblick
Entgegen
aller Vorsicht Schon
wieder loslaufen Kein klar
umrissenes Ziel vor Augen Vielmehr
eine Hoffnung Ungenau
aber existent Mit beiden
Händen Auf den eigenen Augen Eine
imaginäre Ziellinie durchlaufen Und
jemandem direkt in die Arme.
Und ich überlebte, weil ich mit Absicht vergaß. Meine Geschichte begann an einem Kalendertag - dem 2. Juli 1977 - und endete an einem Kalendertag - dem 14. Februar 1978 -, doch in der Zeit dazwischen gab es keinen Kalender. Ich zählte weder Tage noch Wochen noch Monate.
Die Zeit ist eine Illusion, die uns nur atemlos macht. Ich überlebte, weil ich vergaß, dass es so etwas wie Zeit überhaupt gab.
Woran ich mich erinnere, das sind Ereignisse und Begegnungen und Routinen, Meilensteine, die hie und da aus dem Ozean der Zeit auftauchten und sich in mein Gedächtnis einprägten. Der Geruch von abgefeuerten Signalraketen, Gebete bei Tagesanbruch, das Töten von Schildkröten und die Biologie von Algen beispielsweise. Und vieles andere mehr. Aber ordnen kann ich meine Erinnerungen nicht. Sie sind und bleiben ein Durcheinander.
Yann Martel, Schiffbruch mit Tiger, Suhrkamp Verlag, 2001, Frankfurt am Main
Nous venons, restons une petite éternité, allons ensemble et disparaissons un jour en nous perdant de vue.
Ce qui nous reste sont des photographies et le savoir subséquent de la beauté unique de cet instant-là.
Diese Musik muss er den Bildern unterlegen, die er am Abend aufgenommen hat, das weiß er schon jetzt, weil Musik, die die Zeit dehnt, auch den Raum des Bildes dehnt.
Er erschrickt, als das Telephon klingelt. Ein Uhr. Das kann nur Erna sein. "Was hast du gerade gemacht? Wo warst du heute Abend?" "Ich war mit Freunden aus. In einem Weinlokal. Da ist jemand gestorben." "Oh. Was für 'ne komische Musik läuft da bei dir?" "Cage." "Keine Musik zum Einschlafen." "Ich ging auch noch nicht schlafen. Ich habe noch ein bisschen nachgedacht." "Worüber? Hast du Besuch?" "Nein. Ich habe gerade darüber nachgedacht, dass Uhren in Zimmern von Alleinstehenden langsamer gehen." "Haben wir Mitleid mit uns selbst? Ich bin auch allein." "Anders. Schneit es bei euch auch so?"
Cees Nooteboom, Allerseelen, Suhrkamp Verlag, 1999, Frankfurt am Main