damit es sie nicht mehr gibt, die langen Minuten, die so schwer vorbeigehn, wenn du nicht bei mir bist und überall bist, ohne da zu sein, aber da. Du schmerzt mich im Leib, streichelst meine Haut, und bist nicht da, und bist nahe, ich fühle dich hervortreten aus der Luft und mich anfüllen, doch ich bin allein, Geliebter, und dieses Dich-Sehen, ohne daß du da bist, läßt mich manchmal empfinden wie eine verwundete Löwin, ich krümme mich, drehe mich um mich selbst, suche dich, und du bist nicht da, und bist doch dort so nahe. Gioconda Belli
Die erste Nacht beschreiben, in der ich dich sah, du standst vor
der Glasscheibe des Hotels, die dich mit deiner grünen Jacke und
deinem ruhigen Gesicht spiegelte, du fragtest mich etwas, als ich
herauskam, und halfst mir, einen Poncho, weiß wie der Mond,
überzulegen, und dann gingen wir lange Zeit durch eine fremde
Stadt, die aber schon unsere war, weil wir zusammen waren,
schüchtern, voll von Worten, angesammelt in dem Jahr, in dem
wir uns nicht gesprochen hatten, und wir tranken einen Kaffee
und dann noch einen, und während ich einen Nußkuchen aß,
küßtest du mich, und ich blickte dich immer noch erschrocken
an, wenn ich dich neben mir sah, und danach gingen wir weiter
und nahmen ein Taxi, weil mir kalt war, und ich verriet dir, daß
ich Gedichte für dich geschrieben hatte, und wir gingen in meine
Wohnung, um sie zu lesen und uns zu küssen, wie zwei
Hungrige, ganz allein und geschützt vor der Neugier einer
ganzen Stadt voller Leute, und wir verloren uns in gierigen
Umarmungen, bis oben hin voll von Dingen, die man nicht
nennen kann, dafür sind die Worte noch nicht erfunden, und wir
berührten einander wie jemand, der zum ersten Mal das Gefühl
des Berührens erfährt, und gaben uns der Liebe hin, der Liebe,
der Liebe, bis wir einschliefen, bis wir aufwachten, und du gingst
diesen Morgen weg und liebtest mich auf andere Weise, und ich
wachte später auf und besah mich im Spiegel, um nachzusehn,
ob ich wirklich diese nackte Frau sei, der man die Küsse ansah,
mit wirrem Haar und im ganzen Körper glücklich, und lange
glaubte ich, daß es nur ein Traum gewesen sei, bis ich dein
Halstuch erblickte, das du vergessen hattest, das spiegelte sich
auch im Spiegel.
Nostalgie ist ein atmosphärischer Zustand als käme sie von der baltischen Küste Angst vor Begierde das einzig Makellose bevor das Altern beginnt ich sehe die Schiffe, wie sie schwerfällig schaukeln in der nässenden Sonne ein Gefühl von Unendlichkeit schneidet in die Wüste, Schenkel einer schlafenden Frau bestimmte Ansichten entstellen meinen Blick ich kann die Erosionen meines Gehirns nicht ertasten bin mir weniger gewiss als ein denkendes Ei früher besaß ich ein Fernglas und vergrößerte alles damit über den Dächern erblühten die Gärten wie Sand zu Glas Nora Iuga
Nach diesem großen Tanz mit dem Regen atmet die Erde so heftig, daß die Scheiben beschlagen, hängt die Luft so schwer und voller Honig, als wärst du am Mittag des Mittsommertages in ein Rosenlabyrinth geraten. Dabei ist hier keine einzige Rose zu sehen, und wie du dich umblickst, wen du umarmen könntest, um bei diesem Duft nicht ins Taumeln zu geraten, ist keiner da. Auch der Weg hinaus aus dem Irrgarten dieses Tages muß dir allein gelingen; um dich in die Büsche zu schlagen, bist du um einen Baum zu umarmen, bist du noch nicht einsam genug. Matthias Politycki
Du bist längst überdrüssig meiner Briefe. Längst abgestumpft von meiner Traurigkeit. Es legt der Mond sich sanft ins tiefe Geäst der Nacht mit unbegrenzter Zeit. Der halbe Mond das ist die halbe Liebe, Und sie nimmt ab in Eifersucht und Zorn Und jede Zeile, die ich dir auch schriebe, Wär um der Wahrheit Willen irr, verworrn. Einander können wir uns nichts mehr glauben. Die Schuppensterne falln der Nacht vom Schopf. Die Junikäfer flattern wie die Tauben Und schlagen an das Fenster mit dem Kopf. Die Nachtigall betäubt mir alle Sinne. Ich sehe nicht den Abend, der noch brennt. Ich weiß, daß alles, was ich jetzt noch beginne, Wird deinem Glück zum blassen Ornament. Hans-Eckardt Wenzel
Am Abend wird das Meer dann wieder blauer und tiefer als am Tag gedacht, poliert und still wie morgens, hast du's je kapiert? Und? Hast du ihn gespürt, den dunklen Schauer? Am Abend schmeckt die allerletzte Kippe beinah so bitterscharf und grauenhaft wie einst die erste, die du je gepafft - vor dir die Nacht nur mehr als allerletzte Klippe. Und? Hast du dir daraus auch irgendwann vernichtend deinen Schluß gezogen? Hast dir nichtsdestoweniger sodann etwas Beruhigendes zurechtgesogen? Sitzt weiterhin am Meer mit Zigarette und rauchst mit deinem Schicksal um die Wette Matthias Politycki
Dir schenke ich mein Herz, nur für den Fall, daß du mal eines brauchen solltest, und dazu noch alles, was ich sonst noch habe (doch das ist fast nichts), gesetzt, du wolltest noch mehr, so nimm's! Nimm jedes meiner Worte mit, das ich dir zugeflüstert, zugedacht am Morgen, Mittag, Abend, in der Nacht, nimm jede kleinste Silbe, meine ganze Liebe, so daß - verstummt bis an das Ende meiner Tage - ich nur ein leeres Blatt noch wär' im wirren Weltgetriebe, wenn ich nicht wüßte, nicht ganz sicher wüßte, daß ich dich noch mal wiedersehen müßte in dieser oder jener Welt - Matthias Politycki
Die Welt schaut rauf zu meinem Fenster Mit müden Augen ganz staubig und scheu Ich bin hier oben auf meiner Wolke Ich seh Dich kommen aber Du gehst vorbei Doch jetzt tuts nicht mehr weh Nee jetzt tut's nicht mehr weh Und alles bleibt stumm Und kein Sturm kommt auf Wenn ich Dich seh Es ist vorbei bye, bye Junimond Es ist vorbei es ist vorbei bye, bye Zweitausend Stunden hab ich gewartet Ich hab sie alle gezählt und verflucht Ich hab getrunken geraucht und gebetet Hab Dich flußauf- und flußabwärts gesucht Doch jetzt tuts nicht mehr weh Nee jetzt tut's nicht mehr weh Und alles bleibt stehn Und kein Sturm kommt auf wenn ich Dich seh Es ist vorbei bye, bye Junimond Es ist vorbei es ist vorbei bye, bye... Rio Reiser
Es ist wahr daß das Jahr über dreihundert Tage in nur zweiundfünfzig Wochen schafft Es ist wahr es ist wahr daß das Ausland vielmehr Ausländer als Deutsche hat Es ist wahr daß die Sonne nicht um die Erde und der Mond nicht um 'n Fußball kreist Es ist wahr daß der Gründer von New York nicht Kamel oder Camel sondern Stuyvesant heißt Das ist wahr das ist wahr Aber sonst aber sonst: Alles Lüge Alles Lüge Alles Lüge Alles Lüge Es ist wahr es ist wahr die meisten Menschen wollen nicht in Dortmund leben sondern Essen Es ist wahr es ist wahr daß die Kühe das Gras nicht rauchen sondern fressen Es ist wahr es ist wahr daß Hamburg nicht die Hauptstadt von McDonalds ist Es ist wahr es ist wahr daß der Papst zwar die Pille nicht nimmt aber trotzdem keine Kinder kriegt Das ist wahr das ist wahr Aber sonst - aber sonst: Alles Lüge Alles Lüge Alles Lüge Alles Lüge Selbst wenn Du mich fragst ob ich Dich liebe und ich sag ja Weiß ich manchmal nicht genau ist das nun Lüge oder wahr Weil ich oft gar nicht mehr weiß was ist das: Liebe Liebt der Papa sein Auto liebt die Mama den Kaffee Liebt das Baby seine Windeln wie der Weihnachtsmann den Schnee Lieben Kinder Schokolade wie die Hausfrau den Herd Oder ist da mehr oder ist da mehr Oder ist das oder ist das oder ist das Alles Lüge Alles Lüge Alles Lüge Alles Lüge... Rio Reiser
Ich bin die ganze Zeit nur hier geblieben. Die Andern kamen und sind wieder fort. Ich habe Briefe hinterher geschrieben. Die Andern schrieben mir kein Wort. Ich geh die ganze Zeit durch gleiche Türen. Ich koch die ganze Zeit im selben Topf. Gehn wie ein Gitter quer durch meinen Kopf.
Die Andern sprachen. Stumm blieb, wie ein Stein, ich. Die Andern gingen und ich blieb allein. Nur im Vergangnen waren wir uns einig. Was kommen würde, würd uns entzwein. Ich bin die ganze Zeit nicht weggegangen. Am Tisch wars schöner, saßen wir zu viert. Selbst vom Stück Butter, das die Andern angefangen, Hab ich noch wochenlang geschmiert. Hans-Eckardt Wenzel
Lange
haben wir gesucht nach dieser Stadt. Wie ein Kürbis hing der
Mond, ganz gelb und satt, Wie erträumt in einem tiefen Rausch
aus Rum und süßem Gras, Aus den Bars die Radios riefen Uns
den ganzen Abend nach, Bis die Kneipen zugemacht. Und kein
Zimmer für die Nacht.
Du an meine Seite mit dem hellen
Kleid Warst mit mir geflohn aus der Gemütlichkeit, Wo wie
festgeschraubt wir saßen, Fremd in fremder Galaxie, Und der
Lärm auf allen Straßen Machte uns verlorn wie nie. Unerwartet
unbedacht. Und kein Zimmer für die Nacht.
Aus der Ferne
schiens, als hörte man das Meer, So als trüg der Himmel seine
Wellen her. Auf der Bank mit einer Flasche Wasser und vom
Suchen matt, Und wir schleppten unsre Tasche Nochmal durch die
ganze Stadt. So wie Händler ihre Fracht. Und kein Zimmer für
die Nacht.
Kannten keinen, keiner kannte dich und mich, Und
die Stadt ging langsam schlafen, so ganz sommerlich, Wie in einen
Rausch mit schweren Träumen, in besoffne Ruh, Und wir saßen
in dem leeren Park und sahn den Sternen zu, Die‘s am Himmel
sich bequem gemacht. Und kein Zimmer für die Nacht.
Sich umzudrehn, ein letzter Aufenthalt. Der Weg, das Dorf, Minuten, die Epochen. Nun wird es spät und klar und kalt. Die Linden klappern laut mit ihren Knochen.
Der Wind dreht weg und wieder fällt kein Schnee, Und schon beginnt die Ferne neu zu flimmern. Ein harter Strich durchs Land ist die Allee. Die Menschen sitzen in den guten Zimmern.
Zwölf Monde sind verbraucht, das Jahr ist leer, Von Sommern fern, so fern von Paradiesen. Der Abend kommt, das Land steigt in das Meer, Und Sterne stürzen in die Wiesen. Hans-Eckardt Wenzel
Manches geschieht besser im Dezember, dann hätte man fürs neue Jahr gewusst, was man hätte hoffen sollen. Und dennoch jede Minute zusammen ausgekostet und genossen. Kleines Monster Sehnsucht.