... salut de nouveau

Wieder auf Reisen.
Du fragst oft nach mir.
Ich telephonier
noch vorm Zubettgehen mit dir.


Freu mich auf den Moment,
wenn ich steh in der Tür,

und du läufst mir jauchzend entgegen.

...

Und dann öffne ich meine Arme für dich.
Ja, dann öffne ich meine Arme für dich!


Dann öffne ich meine Arme, Gerhard Schöne (1992)


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Sonntag, 6. März 2016

Orpheus

In den Augen des Mannes spiegelt sich der Morgen, dem er über die Treppe eines Schachts entgegenschreitet. Neben ihm die Frau. Sie wenden den Blick nicht zurück, hinter ihnen herrscht Dunkelheit. Oben angekommen, folgen sie weiter dem Licht oder das Licht ihnen, das ist ein und dasselbe. Ganz selten sprechen sie miteinander, und wenn sie es tun, dann nur sehr sanft und leise, so, als wollten sie ein scheues Tier nicht aufschrecken. Im Augenblick, da das Licht auf etwas fällt, mag es auch von ganz unscheinbarer Natur sein, sieht es vollkommen und schön aus. Eine alte Holzbank, eine einzelne Blume am Straßenrand oder die schimmernden Haare der Frau und die weiche Hand des Mannes, die durch ihre Haare streicht. Jetzt ist schon alles in ein klares Licht getaucht, das Wasser dort im Bächlein, die Olive dort am Zweig des Baumes, und selbst der Wind ist von frischem Licht erfüllt. Xорошая моя, flüstert er ihr ins Ohr, meine Liebste, und sie erwidert seine Worte mit einem stillen Lächeln. Gegen Abend geht die Sonne unter, und es beginnt zu regnen. Aber sie gehen weiter im unaufhörlichen Licht. 

Tobias Premper, aus: "Durch Bäume hindurch", Steidl Verlag, 2013, Göttingen


Samstag, 13. Februar 2016

Vom Ende der Herrschaft über die Frauen

Ein Mann begegnete einer schönen Frau und verwandelte sie in einen Esel, auf dem er fortan ritt. Der Mann begegnete einer weiteren schönen Frau und verwandelte sie einen Laib Brot und eine Flasche Wein, er war hungrig und durstig geworden und hatte noch einen langen Weg vor sich. Die dritte schöne Frau verwandelte der Mann in ein stattliches Pferd, das er einem Gastwirt verkaufte, um sich bei ihm einzumieten. Über die Jahre verschwanden noch viele schöne Frauen von der Welt und blieben unauffindbar.
    Eines Tages erreichte der Mann den Ozean und hatte Lust, mit der schönen Frau schwimmen zu gehen. Er verwandelte den Esel zurück, aber da griff die schöne Frau sofort nach einem Stein und schlug ihm damit den Schädel ein. Dann sprang sie ins Wasser und schwamm mit kräftigen Zügen aufs Meer hinaus.

Tobias Premper, aus: "Durch Bäume hindurch", Steidl Verlag, 2013, Göttingen


Montag, 8. Februar 2016

Die alten Männer auf dem Platz

Ein alter Mann sehnt sich nach einer jungen Frau und färbt sich die grauen Haare und den Bart schwarz. Er tropft sich Kräuteressenzen, die er von Reisen durch die ganze Welt mitgebracht hat, auf die Innenseite seiner Handgelenke und streicht damit seinen Hals entlang. Er kauft sich einen Anzug, der ihn wie kein anderer, den er zuvor besessen hat, schmückt. Einen zweiten, identischen Anzug legt er zusammen mit seinem Testament in den Schrank, nur für den Fall.
    Er streift durch die Straßen und Bars seines Viertels, in einer Stadt, die alles besitzt außer einer Küste und in der die Menschen alles können außer das Rauschen des Meeres. Auf einem Platz begegnet er einer Gruppe von alten Männern, die ihre Haare und Bärte ebenfalls schwarz gefärbt haben. Von ihnen geht derselbe Duft aus, und sie tragen alle neue Anzüge. Er setzt sich zu ihnen, und gemeinsam schauen sie still zurück. 

Tobias Premper, aus: "Durch Bäume hindurch", Steidl Verlag, 2013, Göttingen


Dienstag, 2. Februar 2016

Ein Leben lang

Ein kleiner Junge sitzt auf dem Schoß seiner Mama und fragt:
    "Wenn Papa tot ist, dauert das dann das ganze Leben?"
    "Ja", antwortet seine Mama, "das dauert das ganze Leben, mein Schatz."
Viele Jahre später - der kleine Junge ist inzwischen groß geworden und von zu Hause ausgezogen, um zu studieren - erhält seine Mutter von ihrem Jungen ein Telegramm: "Das ganze Leben muss keine Ewigkeit dauern." Die Mutter versteht es, sie versteht es ein Leben lang. 

Tobias Premper, aus: "Durch Bäume hindurch", Steidl Verlag, 2013, Göttingen