... salut de nouveau

Wieder auf Reisen.
Du fragst oft nach mir.
Ich telephonier
noch vorm Zubettgehen mit dir.


Freu mich auf den Moment,
wenn ich steh in der Tür,

und du läufst mir jauchzend entgegen.

...

Und dann öffne ich meine Arme für dich.
Ja, dann öffne ich meine Arme für dich!


Dann öffne ich meine Arme, Gerhard Schöne (1992)


Mittwoch, 15. März 2017

Perspektive


Sie gingen aneinander vorbei wie Fremde,
ohne eine Geste, ohne ein Wort,
sie auf dem Weg in den Laden,
er zum Auto.

Vielleicht in Panik
oder zerstreut
oder nicht mehr wissend,
daß sie sich kurze Zeit
für immer geliebt haben.

Übrigens ist nicht garantiert,
daß sie es waren.
Von weitem vielleicht ja,
aus der Nähe aber nicht.

Ich sah sie vom Fenster aus,
und wer von oben schaut,
kann sich leicht irren.

Sie verschwand hinter der Glastür,
er setzte sich ans Steuer
und fuhr schnell davon.
Das heißt, nichts ist geschehen,
selbst wenn.

Und ich, nur einen Moment lang
sicher, was ich sah,
versuche jetzt in einem Gelegenheitsgedicht
euch, den Lesern, einzureden,
das sei traurig gewesen.

Wisława Szymborska

Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall.
Aus: Glückliche Liebe und andere Gedichte. Berlin: Suhrkamp Verlag 2012.



Dienstag, 14. März 2017

DAS NICHTS


Das Nichts hat sich auch mir genichtet.
Es wendete sich tatsächlich auf die andere Seite.
Wo bin ich nur hingeraten,
Kopf und Fuß in Planeten,
unbegreiflich, ich hätte einmal nicht da sein können.

O du mein hier Getroffener, Liebgewonnener hier,
ich ahne, die Hand auf deiner Schulter, nur,
wieviel Leere uns auf der anderen Seite zukommt,
wieviel dort Stille fällt auf eine Grille hier,
wieviel dort Wiese fehlt dem Sauerampferblatt hier,
die Sonne aber ist nach dem Dunkel wie Schadenersatz
im Tropfen Tau – für die wie tiefen Dürren dort!

Gestirnt aufs Geratewohl! Die Hiesigen umgekehrt!
Weitgestreckt über Schrägen, Schwere, Rauheit, Bewegung!
Ein Spalt im Unendlichen für den grenzenlosen Himmel!
Erleichterung nach dem Nichtraum in Form einer schwankenden Birke!

Jetzt oder nie bewegt der Wind eine Wolke,
denn Wind ist eben das, was dort nicht weht.
Und der Käfer betritt den Pfad im dunklen Anzug des Zeugen.
Für den Fall des langen Wartens aufs kurze Leben.

Für mich hat sich’s so ergeben, daß ich bei dir bin.
Und wirklich, ich sehe darin nichts
Gewöhnliches.


Wisława Szymborska 

Montag, 13. März 2017

Glückliche Liebe


Glückliche Liebe. Ist das normal,
ist das seriös, und ist das nützlich - 
was hat schon die Welt von zwei Menschen,
die diese Welt nicht sehen?

Zu sich erhoben ohne Verdienst,
die ersten besten von einer Million, allerdings überzeugt,
es habe so kommen müssen - als Preis wofür?
Für nichts.

Von nirgendwoher fällt Licht - 
weshalb gerade auf die und nicht andre? 
Beleidigt es nicht die Gerechtigkeit? Ja.
Verletzt es nicht alle sorgsam gehäuften Prinzipien,
stürzt die Moral nicht vom Gipfel? Verletzt und stürzt.

Seht euch die Glücklichen an:
wenn sie sich doch nur verstellten,
Niedergeschlagenheit spielten, damit die Freunde auf ihre Kosten kämen!

Hört, wie sie lachen - schimpflich.
Mit welcher Zunge sie sprechen - scheinbar verständlich.
Und diese ihre Zeremonien, Zierereien,
die findigen Pflichten gegeneinander - 
es ist wie eine Verschwörung hinter dem Rücken der Menschheit.

Es läßt sich schwerlich voraussehen, was daraus würde,
wenn sich ihr Beispiel nachahmen ließe. 
Worauf Religion und Dichtung noch bauen könnten, 
was hielte man fest, was ließe man sein,
wer bliebe noch gern im Kreis? 

Glückliche Liebe. Muß das denn sein?
Takt und Vernunft gebieten, sie zu verschweigen
wie einen Skandal aus den höheren Kreisen.
Prächtige Babies werden ohne ihr Zutun geboren.

Sie könnte die Erde, da sie so selten vorkommt,
niemals bevölkern.

So mögen alle, denen die glückliche Liebe fremd ist,
behaupten, es gäbe sie nicht. 

Mit diesem Glauben lebt es und stirbt es sich leichter.

Wisława Szymborska


Sonntag, 12. März 2017

THE TELEPHONE


"When I was just as far as I could walk
From here today,
There was an hour
All still
When leaning with my head against a flower
I heard you talk.
Don't say I didn't, for I heard you say - 
You spoke from that flower on the windowsill -
Do you remember what it was you said?"

"First tell me what it was you thought you heard."

"Having found the flower and driven a bee away,
I leaned my head,
And holding by the stalk,
I listened and I thought I caught the word - 
What was it? Did you call me by my name?
Or did you say - 
Someone said "Come" - I heard it as I bowed."

"I may have thought as much, but not aloud."

"Well, so I came."

Robert Frost

Samstag, 11. März 2017