... salut de nouveau

Wieder auf Reisen.
Du fragst oft nach mir.
Ich telephonier
noch vorm Zubettgehen mit dir.


Freu mich auf den Moment,
wenn ich steh in der Tür,

und du läufst mir jauchzend entgegen.

...

Und dann öffne ich meine Arme für dich.
Ja, dann öffne ich meine Arme für dich!


Dann öffne ich meine Arme, Gerhard Schöne (1992)


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Sonntag, 12. März 2017

THE TELEPHONE


"When I was just as far as I could walk
From here today,
There was an hour
All still
When leaning with my head against a flower
I heard you talk.
Don't say I didn't, for I heard you say - 
You spoke from that flower on the windowsill -
Do you remember what it was you said?"

"First tell me what it was you thought you heard."

"Having found the flower and driven a bee away,
I leaned my head,
And holding by the stalk,
I listened and I thought I caught the word - 
What was it? Did you call me by my name?
Or did you say - 
Someone said "Come" - I heard it as I bowed."

"I may have thought as much, but not aloud."

"Well, so I came."

Robert Frost

Freitag, 21. Dezember 2012

III


Nahe beim großen Platz mit dem Obelisken steht das Gebäude mit dem Frauenkopf über dem Eingang. Die Stadt liegt auf der anderen Seite der Insel, manchmal fährt er dorthin, um diesen Kopf zu betrachten. Er ist verschleiert, aber nicht so, wie man denken würde. In den flachen Bogen über dem Tor ist ein Rechteck ausgespart, das fast zu klein für sie ist. Der Schleier bedeckt nicht den unteren, sondern den oberen Teil ihres Gesichts. Die Nase ist grob, der Kopf weiblich und sehr rund, der kleine Mund mit den vollen Lippen halb geöffnet. Die Zunge dahinter ist nicht zu sehen, könnte jedoch jeden Moment zum Vorschein kommen und flüchtig über die Lippen lecken, das hat etwas Wollüstiges. Am merkwürdigsten sind die fehlenden Augen. Sie sind da und zugleich nicht da. Das Tuch, das bis zur Mitte der Nase herabhängt, wird von irgendeiner unerklärlichen Kraft an die Augäpfel gedrückt, die steinernen Falten laufen quer über die großen Rundungen. Er denkt, daß sie blind ist, aber gerade dieses Tuches wegen, das keine Augenbinde ist, kann er es nicht erkennen. Je länger er sie betrachtet, desto geheimnisvoller wird sie. Könnte sie sprechen, so wäre es in seiner Sprache. Jedesmal, wenn er sie allein zurückläßt, hat er das Gefühl, er habe versagt. 

Cees Nooteboom, Selbstbildnis eines Anderen, Suhrkamp Verlag, 1996, Frankfurt am Main 


Montag, 3. Dezember 2012

drei tage

drei tage
habe ich nicht
mit dir gesprochen
welch eine ferne
dass ich selbst
den neumond vergesse
der als sichel
im schwarz schwebt
ein schwert über mir
gehalten von deiner
unsichtbaren hand
heute ist über mich
schon alles gesagt
das urteil ist längst
gesprochen

Benjamin Stein

Ist es das? Ist es?
Verneine es, es kann nicht sein.
Luise





Als wir zerfielen einst in DU und ICH
Und unsere Bette standen HIER und DORT
Ernannten wir ein unauffällig Wort
Das sollte heißen: ich berühre dich.

Es scheint: solch Redens Freude sei gering
Denn das Berühren selbst ist unersetzlich
Doch wenigstens wurd "sie" so unverletzlich
Und aufgespart wie ein gepfändet Ding.

Blieb zugeeignet und wurd doch entzogen
War nicht zu brauchen und war doch vorhanden
War wohl nicht da, doch wenigstens nicht fort

Und wenn um uns die fremden Leute standen
Gebrauchten wir geläufig dieses Wort
Und wußten gleich: wir waren uns gewogen.

Bertolt Brecht




Samstag, 1. Dezember 2012

Wir fanden, aber wir hielten es nicht.


Wir fanden, aber wir hielten es nicht und versagten. Es nahm unsern Kopf in die Hände und küßte ihn. Lange war’s da. Doch immer vergeht, was wir haben, sowie wir es haben. Es flieht, um dann wirklich zu bleiben: als eines, das war. Bliebe es anders, verlör’s sich, sich duckend, im Alltag. Für niedrige Türen, Geliebte, ist Liebe zu groß und verrenkt sich, gedemütigt, rutscht, wenn wir sie schieben, auf Knien, verbeißt sich den Stolz. Und erträgt’s nicht.
Merkten wir nicht, was wir taten? Wie oft putzten wir Zähne gemeinsam, aßen so sprachlos zu Abend, die Aufmerksamkeiten erlascht, wie ein Echo ins Mehl klingt, dem schwarzen für Brot, das uns nährt, aber stumpf macht: das Brot stumpf, das Herz stumpf. So kauen wir. Stromrechnung, Miete, die tägliche Rücksicht, der Einkauf, beiseitegeschobne, als würden sie schänden, Verlangen. Die Zimmer zu schmale, wir spüren Verlust, aber schweigen ums Unheil. Denn sprächen wir’s aus, es wär ein Verrat, denkt man, der’s weckte und herlockt. Plötzlich, da stehn wir uns fremd da, uns selbst und als Fremde einander. Da gingst du.
Verlust ist des Bleibenden Anfang […]                                                                  
Alban Nikolai Herbst, "Das Bleibende Thier / Bamberger Elegien", Elfenbein, 2011, Berlin



Mittwoch, 28. November 2012

Das falsche und das wahre Grün


Du wartest nicht mehr auf mich mit dem billigen
Herzen der Uhr. Gleich, ob du das Grau
öffnest oder hältst: es bleiben dornige,
kahle Stunden, mit dem plötzlichen
Schlagen von Blättern auf den Scheiben deines
Fensters, hoch über zwei Wolkenstraßen.
Mir bleibt die Trägheit eines Lächelns,
der dunkle Himmel eines Kleides, der rostfarbne
Samt um deine Haare geschlungen
und gelöst auf den Schultern, und dies dein Gesicht
in kaum bewegtes Wasser versunken.


Schläge rauhgelber Blätter,
wie Vögel von Ruß. Andere Blätter
bersten nun die Zweige und schnellen schon los,
ineinander verschlungen: das falsche und wahre Grün
des April, jenes entfesselte Grinsen
des sichern Erblühns. Und du blühst nicht,
treibst keine Tage, noch Träume, die aus unserem
Jenseits steigen. Hast nicht mehr deine kindlichen
Augen, hast nicht mehr zarte Hände,
mein Gesicht zu suchen, das mir entflieht?
Es bleibt die Scheu, Verse zu schreiben
ins Tagebuch oder einen Schrei auszustoßen
ins Leere oder in das unbegreifliche Herz, das
mit seiner abschüssigen Zeit noch kämpft.

Salvatore Quasimodo


Dienstag, 27. November 2012

Carte blanche.






Ja doch. Es ist einiges da. Vom kleinen
Trauma bis zum grossen Trend. Silben
aus aller Welt. Sandkörner. Pigmente.
Der Statist schaut vielsagend. Kneift ein
Auge zusammen. Na los. Ich höre nichts.
Ich staune. Die Souffleuse spricht lauter.
Ein Schwarm von Schutzengeln fliegt auf.

Brigitte Fuchs


















Mittwoch, 21. November 2012

Nele und Paul



















Prolog Es roch nach Frau. Ich schlug die Augen
auf und lächelte. Bis ich sah, wo ich war.
Ein fremdes Schlafzimmer. Über mir eine Wanduhr,
deren Ticken mich die ganze Nacht genervt hatte. Auf der 
Kommode neben dem Bett lag kein Zettel. Es duftete nicht 
nach Kaffee. Niemand küsste mich wach. Niemand legte 
sich noch mal zu mir. Niemand verpasste mir einen süßen 
Blick wegen letzter Nacht. 
Nachts ließen One-Night-Stands einen bisweilen vergessen,
dass es nicht die Frau des Lebens war, die da so schön
seufzte. Doch das Morgenlicht rückte das Verhältnis 
zurecht. Bloß zu Besuch.
Ich rollte mich aus dem Bett, griff nach meine Hose und
dachte an Nele. Sie war immer noch die Frau, an die ich
dachte, wenn ich mich bei einer anderen einsam fühlte. 
Vielleicht fühlte ich mich auch bei den anderen einsam, 
weil ich immer noch an Nele dachte. Das ist das Problem
mit der großen Liebe - sie versaut einen für die kleinen.

Michel Birbaek, Nele und Paul, Bastei Lübbe, 2009, Köln