Im Traum sah ich die Liebste, mit bloßen Brüsten, so, von der Taille nach oben wie ein Mond zwischen Wolken geht sie dahin. Sie geht, ich gehe, ich bleibe stehen, sie auch, ich schaue sie an und sie mich. Tränentropfen fallen auf Telegrafendrähte. Drähte: Nachricht, Tränen, Freude. Ein glücklicher Traum, das muß reichen. Ibrahim hat noch zehn Jahre Knast. Nâzim Hikmet aus: Nâzim Hikmet, Die Namen der Sehnsucht, Ammann Verlag, 2008, Zürich
Auf der Hundestraße traf meine Seele mein Herz. Am Boden zerstört, aber lebendig, verdreckt, verlottert und voll der Liebe. Auf der Hundestraße, dort, wo niemand laufen mag. Einer Straße, wo nur die Dichter unterwegs sind, wenn nichts mehr zu tun bleibt. Ich aber hatte noch so viel zu tun! Und dennoch: Da war ich, ließ mich töten von den roten Ameisen und auch von den schwarzen, unterwegs in den verlassenen Dörfern: Angst und Schrecken aufgetürmt bis zu den Sternen. Ein Chilene, aufgewachsen in Mexiko, hält alles aus, fand ich, aber das war nicht die Wahrheit. In den Nächten weinte mein Herz. Fluss des Seins, so sprachen ein paar fiebrige Lippen, die ich später als die eigenen identifizierte, Fluss des Seins, oh, Fluss des Seins, Ekstase, die sich an den Ufern dieser verlassenen Gefilde einschmiegt. Philosophen und Theologen, Seher und Wegelagerer tauchten auf wie wässrige Wirklichkeiten in einer aus Metall. Nur aus Fieber und Dichtung entstehen Visionen. Aus Liebe und Gedächtnis. Nicht aus jenen Wegen, Ebenen. Jenen Labyrinthen. Und meine Seele traf am Ende auf mein Herz. Das war krank, ja, ja, aber lebendig. Roberto Bolaño aus: Roberto Bolaño, Die romantischen Hunde, Hanser, 2017, München
Zusammen halten, verdichten, Zeichen deuten, üben, wie man beschützt, was man liebt, vor falscher Nähe, vor ihrer Rauheit und Schärfe, aber auch nicht vor der entmutigenden Tristesse der echten. Es bedarf nicht viel, die alte Heroldsregel der 200 Schritte anzuwenden: Hängen Sie Ihren Entwurf des Wappens der Liebe draußen an einen Baum, gehen Sie exakt so viele Schritte zurück, als nötig sind, um Sehnsucht zu spüren, und mit weit aufgerissenen Augen wenden Sie sich dort um. Orsolya Kalász aus: Orsolya Kalász, Das Eine, Brüterich Press, 2016, Berlin