... salut de nouveau

Wieder auf Reisen.
Du fragst oft nach mir.
Ich telephonier
noch vorm Zubettgehen mit dir.


Freu mich auf den Moment,
wenn ich steh in der Tür,

und du läufst mir jauchzend entgegen.

...

Und dann öffne ich meine Arme für dich.
Ja, dann öffne ich meine Arme für dich!


Dann öffne ich meine Arme, Gerhard Schöne (1992)


Donnerstag, 13. Juli 2017

IBRAHIMS TRAUM

Im Traum sah ich die Liebste,
mit bloßen Brüsten,
so, von der Taille nach oben
         wie ein Mond zwischen Wolken geht sie dahin.
Sie geht, ich gehe,
ich bleibe stehen, sie auch,
ich schaue sie an und sie mich.
                  Tränentropfen 
                                fallen auf Telegrafendrähte.
Drähte: Nachricht,
Tränen, Freude.
Ein glücklicher Traum, das muß reichen.
                 Ibrahim hat noch zehn Jahre Knast.

Nâzim Hikmet
aus: Nâzim Hikmet, Die Namen der Sehnsucht, Ammann Verlag, 2008, Zürich


Mittwoch, 12. Juli 2017

Verdreckt, verlottert

Auf der Hundestraße traf meine Seele
mein Herz. Am Boden zerstört, aber lebendig,
verdreckt, verlottert und voll der Liebe.
Auf der Hundestraße, dort, wo niemand laufen mag.
Einer Straße, wo nur die Dichter unterwegs sind,
wenn nichts mehr zu tun bleibt.
Ich aber hatte noch so viel zu tun!
Und dennoch: Da war ich, ließ mich töten
von den roten Ameisen und auch
von den schwarzen, unterwegs in den 
verlassenen Dörfern: Angst und Schrecken
aufgetürmt bis zu den Sternen.
Ein Chilene, aufgewachsen in Mexiko, hält alles aus,
fand ich, aber das war nicht die Wahrheit.
In den Nächten weinte mein Herz. Fluss des Seins, so sprachen
ein paar fiebrige Lippen, die ich später als die eigenen identifizierte,
Fluss des Seins, oh, Fluss des Seins, Ekstase,
die sich an den Ufern dieser verlassenen Gefilde einschmiegt.
Philosophen und Theologen, Seher und 
Wegelagerer tauchten auf
wie wässrige Wirklichkeiten in einer aus Metall.
Nur aus Fieber und Dichtung entstehen Visionen.
Aus Liebe und Gedächtnis.
Nicht aus jenen Wegen, Ebenen.
Jenen Labyrinthen.
Und meine Seele traf am Ende auf mein Herz.
Das war krank, ja, ja, aber lebendig.

Roberto Bolaño 
aus: Roberto Bolaño, Die romantischen Hunde, Hanser, 2017, München


Dienstag, 11. Juli 2017

Die große Kunst der Deutlichkeit

Zusammen halten, verdichten, Zeichen deuten,
üben, wie man beschützt, was man liebt,
vor falscher Nähe, vor ihrer Rauheit und Schärfe,
aber auch nicht vor der entmutigenden Tristesse der echten.
Es bedarf nicht viel, die alte Heroldsregel
der 200 Schritte anzuwenden: 
Hängen Sie Ihren Entwurf
des Wappens der Liebe
draußen an einen Baum,
gehen Sie exakt so viele Schritte zurück, 
als nötig sind, um Sehnsucht zu spüren,
und mit weit aufgerissenen Augen
wenden Sie sich dort um.

Orsolya Kalász
aus: Orsolya Kalász, Das Eine, Brüterich Press, 2016, Berlin


Freitag, 7. Juli 2017

Immerhin

Was wir für fühlende Herzen empfinden,
macht uns bitter nötig für fühlende Herzen.
Immerhin sind wir es,
die wachsen, über uns hinaus,
schnell und ohne Bedauern
wie wilde Tiere ... und die Nacht.
Immerhin glauben wir,
dass Sterne uns bestaunen,
weil wir glauben, dass Schmerzen einer Logik folgen, 
an Gedanken, die immer weiter kreisen,
dem Herzen Arme immer höher wachsen,
bitte und im Nichts den nächsten Ast ergreifen.

Orsolya Kalász
aus: Orsolya Kalász, Das Eine, Brüterich Press, 2016, Berlin


Donnerstag, 6. Juli 2017

Verstehen heißt antworten

Fragen sollen es sein,
gebannt soll jede Gefahr sein
in ihrer Obhut, in ihrer Fürsorge?

Der das glaubt, den wollte ich. 

Wäre da nicht die Behauptung, 
Tage wie diese, voller Begehren,
voller Widerstände, wollen keine Fragen,
wollen Antworten.
Fragen haben uns alles voraus,
haben so viele Antworten abgeschüttelt
um bei sich zu bleiben, nicht bei uns,
die wir sie beschwören
und doch keine Geduld für sie haben.

Ich habe sie doch gesehen, in der S-Bahn,
die Frage, die keine Antwort mehr ertrug, 
zwei Stationen starrte mich 
aus einem Augenpaar das Entsetzliche an,
das nach Trost verlangt und den Trost
schon längst verleugnet hat.

Antworten kann man auch ohne Frage: 
Kommt sie nach Hause, 
macht die Tür auf, hört ihn sagen:
"Ich küsse dich schön."

Küssen ist eine schöne Antwort.
Es antwortet 
auf die liebste Frage 
und entlässt sie, 
in was auch immer,
in irgendeine Art
von Nicht-Gebraucht-Werden,
in ihre Kindheit,
als auch sie eine Antwort war:
"Ich küsse dich, 
wenn du mich küsst,
aber ich zuerst,
bald ist Abend, 
bald ist Tag, 
morgen wieder." 

Keine Frage.

Orsolya Kalász
aus: Orsolya Kalász, Das Eine, Brüterich Press, 2016, Berlin


Die Vergleiche hissen die Segel

Das Gefühl, von dir berührt zu werden, 
vergleiche ich mit einem
vom verschwenderischen Blau
des Himmels gebannten Blick.
Es ist, als würde ich schwimmen
in einem durch die Haut schimmernden See,
inmitten der gespiegelten Wolken
deiner Hand.

Orsolya Kalász
aus: Orsolya Kalász, Das Eine,
Brüterich Press, 2016, Berlin



Mittwoch, 5. Juli 2017

Liz im September

Wenn du an mich denkst, Dolores,
wenn ich mal nicht mehr bin,
dann wirst du dich so an mich erinnern:
Treibend.