... salut de nouveau

Wieder auf Reisen.
Du fragst oft nach mir.
Ich telephonier
noch vorm Zubettgehen mit dir.


Freu mich auf den Moment,
wenn ich steh in der Tür,

und du läufst mir jauchzend entgegen.

...

Und dann öffne ich meine Arme für dich.
Ja, dann öffne ich meine Arme für dich!


Dann öffne ich meine Arme, Gerhard Schöne (1992)


Samstag, 15. Juli 2017

Wie man einen Vogel zeichnet

Male zuerst einen Käfig
mit einer offenen Tür
dann male 
irgendetwas Hübsches
irgendetwas Einfaches
irgendetwas Schönes
irgendetwas Nützliches 
was nun den Vogel angeht
so lehne die Leinwand an einen Baum
in einem Garten
in einem Wäldchen
verbirg dich hinter dem Baum
ohne zu sprechen
ohne dich zu rühren...
Bisweilen kommt der Vogel bald
aber er kann ebenso gut viele Jahre brauchen
bis er sich dazu entschließt
Verlier nicht den Mut
warte 
warte wenn's sein muss jahrelang
denn der rasche oder langsame Anflug des Vogels
hat nichts zu tun
mit dem Gelingen des Bildes
Wenn der Vogel kommt
falls er kommt 
so sei ganz still
warte bis der Vogel in den Käfig schlüpft
und wenn er hineingeschlüpft ist
schließe mit dem Pinsel leise die Tür
dann
tilge nacheinander alle Gitterstäbe aus 
wobei du keine einzige Feder des Vogels berühren darfst
Sodann male den Baum
und wähle den schönsten seiner Äste 
für den Vogel
male auch das grüne Laub und den frischen Wind
den Sonnenstaub
und das Gesumm der Grastiere in der Sommerglut
und dann warte ob der Vogel sich entschließt zu singen
Wenn der Vogel nicht singt 
so ist ein schlechtes Zeichen
Ein Zeichen dass das Bild schlecht ist
Aber wenn er singt ist es ein gutes Zeichen
ein Zeichen dass du das Bild mit deinem Namen zeichnen darfst
dann zupfst du ganz sacht 
eine Feder aus dem Vogelgefieder
und schreibst in eine Ecke des Bildes deinen Namen nieder.

Peindre d'abord une cage
avec une porte ouverte
peindre ensuite
quelque chose de joli
quelque chose de simple
quelque chose de beau
quelque chose d'utile
pour l'oiseau
placer ensuite la toile contre un arbre
dans un jardin
dans un bois
ou dans une forêt
se cacher derrière l'arbre
sans rien dire
sans bouger...
Parfois l'oiseau arrive vite
mais il peut aussi mettre de longues années
avant de se décider
Ne pas se décourager
attendre
attendre s'il le faut pendant des années
la vitesse ou la lenteur de l'arrivée de l'oiseau
n'ayant aucun rapport
avec la réussite du tableau
Quand l'oiseau arrive
s'il arrive
observer le plus profond silence
attendre que l'oiseau entre dans la cage
et quand il est entré
fermer doucement la porte avec le pinceau
puis
effacer un à un tous les barreaux
en ayant soin de ne toucher aucune des plumes de l'oiseau
Faire ensuite le portrait de l'arbre
en choisissant la plus belle de ses branches
pour l'oiseau
peindre aussi le vert feuillage et la fraîcheur du vent
la poussière du soleil
et le bruit des bêtes de l'herbe dans la chaleur de l'été
et puis attendre que l'oiseau se décide à chanter
Si l'oiseau ne chante pas
C'est mauvais signe
signe que le tableau est mauvais
mais s'il chante c'est bon signe
signe que vous pouvez signer
Alors vous arrachez tout doucement
une des plumes de l'oiseau
et vous écrivez votre nom dans un coin du tableau.

Jacques Prévert
aus: Christine Knödler (Hrsg.), 
Warum ist Rosa kein Wind?, 
Ravensburger, 2014, Ravensburg &
Librairie Gallimard, 1962, Paris



Freitag, 14. Juli 2017

Dieser Morgen

Dieser Morgen ist so beschaffen, daß ihn das bloße Verrinnen der Zeit nie veranlassen wird heraufzudämmern. Das Licht, das unsere Augen erlöschen macht, ist Dunkelheit für uns. Nur der Tag bricht an, für den wir wach sind. Noch mancher Tag harrt des Anbruchs. Die Sonne ist nur ein Morgenstern. 

Henry David Thoreau
aus: Henry David Thoreau, Walden oder Leben in den Wäldern, Diogenes Verlag, 2015, Zürich

Donnerstag, 13. Juli 2017

IBRAHIMS TRAUM

Im Traum sah ich die Liebste,
mit bloßen Brüsten,
so, von der Taille nach oben
         wie ein Mond zwischen Wolken geht sie dahin.
Sie geht, ich gehe,
ich bleibe stehen, sie auch,
ich schaue sie an und sie mich.
                  Tränentropfen 
                                fallen auf Telegrafendrähte.
Drähte: Nachricht,
Tränen, Freude.
Ein glücklicher Traum, das muß reichen.
                 Ibrahim hat noch zehn Jahre Knast.

Nâzim Hikmet
aus: Nâzim Hikmet, Die Namen der Sehnsucht, Ammann Verlag, 2008, Zürich


Mittwoch, 12. Juli 2017

Verdreckt, verlottert

Auf der Hundestraße traf meine Seele
mein Herz. Am Boden zerstört, aber lebendig,
verdreckt, verlottert und voll der Liebe.
Auf der Hundestraße, dort, wo niemand laufen mag.
Einer Straße, wo nur die Dichter unterwegs sind,
wenn nichts mehr zu tun bleibt.
Ich aber hatte noch so viel zu tun!
Und dennoch: Da war ich, ließ mich töten
von den roten Ameisen und auch
von den schwarzen, unterwegs in den 
verlassenen Dörfern: Angst und Schrecken
aufgetürmt bis zu den Sternen.
Ein Chilene, aufgewachsen in Mexiko, hält alles aus,
fand ich, aber das war nicht die Wahrheit.
In den Nächten weinte mein Herz. Fluss des Seins, so sprachen
ein paar fiebrige Lippen, die ich später als die eigenen identifizierte,
Fluss des Seins, oh, Fluss des Seins, Ekstase,
die sich an den Ufern dieser verlassenen Gefilde einschmiegt.
Philosophen und Theologen, Seher und 
Wegelagerer tauchten auf
wie wässrige Wirklichkeiten in einer aus Metall.
Nur aus Fieber und Dichtung entstehen Visionen.
Aus Liebe und Gedächtnis.
Nicht aus jenen Wegen, Ebenen.
Jenen Labyrinthen.
Und meine Seele traf am Ende auf mein Herz.
Das war krank, ja, ja, aber lebendig.

Roberto Bolaño 
aus: Roberto Bolaño, Die romantischen Hunde, Hanser, 2017, München


Dienstag, 11. Juli 2017

Die große Kunst der Deutlichkeit

Zusammen halten, verdichten, Zeichen deuten,
üben, wie man beschützt, was man liebt,
vor falscher Nähe, vor ihrer Rauheit und Schärfe,
aber auch nicht vor der entmutigenden Tristesse der echten.
Es bedarf nicht viel, die alte Heroldsregel
der 200 Schritte anzuwenden: 
Hängen Sie Ihren Entwurf
des Wappens der Liebe
draußen an einen Baum,
gehen Sie exakt so viele Schritte zurück, 
als nötig sind, um Sehnsucht zu spüren,
und mit weit aufgerissenen Augen
wenden Sie sich dort um.

Orsolya Kalász
aus: Orsolya Kalász, Das Eine, Brüterich Press, 2016, Berlin


Freitag, 7. Juli 2017

Immerhin

Was wir für fühlende Herzen empfinden,
macht uns bitter nötig für fühlende Herzen.
Immerhin sind wir es,
die wachsen, über uns hinaus,
schnell und ohne Bedauern
wie wilde Tiere ... und die Nacht.
Immerhin glauben wir,
dass Sterne uns bestaunen,
weil wir glauben, dass Schmerzen einer Logik folgen, 
an Gedanken, die immer weiter kreisen,
dem Herzen Arme immer höher wachsen,
bitte und im Nichts den nächsten Ast ergreifen.

Orsolya Kalász
aus: Orsolya Kalász, Das Eine, Brüterich Press, 2016, Berlin


Donnerstag, 6. Juli 2017

Verstehen heißt antworten

Fragen sollen es sein,
gebannt soll jede Gefahr sein
in ihrer Obhut, in ihrer Fürsorge?

Der das glaubt, den wollte ich. 

Wäre da nicht die Behauptung, 
Tage wie diese, voller Begehren,
voller Widerstände, wollen keine Fragen,
wollen Antworten.
Fragen haben uns alles voraus,
haben so viele Antworten abgeschüttelt
um bei sich zu bleiben, nicht bei uns,
die wir sie beschwören
und doch keine Geduld für sie haben.

Ich habe sie doch gesehen, in der S-Bahn,
die Frage, die keine Antwort mehr ertrug, 
zwei Stationen starrte mich 
aus einem Augenpaar das Entsetzliche an,
das nach Trost verlangt und den Trost
schon längst verleugnet hat.

Antworten kann man auch ohne Frage: 
Kommt sie nach Hause, 
macht die Tür auf, hört ihn sagen:
"Ich küsse dich schön."

Küssen ist eine schöne Antwort.
Es antwortet 
auf die liebste Frage 
und entlässt sie, 
in was auch immer,
in irgendeine Art
von Nicht-Gebraucht-Werden,
in ihre Kindheit,
als auch sie eine Antwort war:
"Ich küsse dich, 
wenn du mich küsst,
aber ich zuerst,
bald ist Abend, 
bald ist Tag, 
morgen wieder." 

Keine Frage.

Orsolya Kalász
aus: Orsolya Kalász, Das Eine, Brüterich Press, 2016, Berlin