... salut de nouveau

Wieder auf Reisen.
Du fragst oft nach mir.
Ich telephonier
noch vorm Zubettgehen mit dir.


Freu mich auf den Moment,
wenn ich steh in der Tür,

und du läufst mir jauchzend entgegen.

...

Und dann öffne ich meine Arme für dich.
Ja, dann öffne ich meine Arme für dich!


Dann öffne ich meine Arme, Gerhard Schöne (1992)


Montag, 17. Juli 2017

Temps pour un peu de soul merveilleux...

Zeit für guten frankophonen Soul... 

The Map

Land lies in water; it is shadowed green.
Shadows, or are they shallows, as its edges
showing the line of long sea-weed ledges
where weeds hang to the simple blue from green.
Or does the land lean down to lift the sea from under,
drwaing it unperturbed around itself?
Along the fine tan sandy shelf
is the land tugging at the sea from under?

The shadow of Newfoundland lies flat and still.
Labrador's yellow, where the moony Eskimo
has oiled it. We can stroke these lovely bays,
under a glass as if they were expected to blossom,
or as if to provide a clean cage for invisible fish.
The names of seashore towns run out to sea,
the names of cities cross the neighboring mountains
- the printer here experiencing the same excitement
as when emotion too far exceeds its cause.
Theese peninsulas take the water between thumb and finger
like women feeling for the smoothness of yard-goods.

Mapped waters are more quiet than the land is,
lending the land their waves' own conformation:
and Norway's hare runs south in agitation,
profiles investigate the sea, where land land is.
Are they assigned, or can the countries pick their colors?
- What suits the character of the native waters best.
Topography displays no favorites; North's as near as West.
More delicate than the historians' are the map-makers' colors.

Elizabeth Bishop
from: Elizabeth Bishop, The Complete Poems, American Book - Stratford Press, 1969, New Jersey


Sonntag, 16. Juli 2017





In mir ist seit einiger Zeit 

wieder eine große Sehnsucht nach dem Positiven,
ohne Anführungszeichen,
nach dem, was bleibt.

Christa Wolf

aus: C. Wolf / F. Fühmann, Monsieur - wir finden uns wieder. Briefe 1968 - 1984, Aufbau Verlag, 1995, Berlin





Nur eine

"Traurig" - ist nur eine
von vielen Folgen der Deutung.
Was wir heute verkörpern,
könnte morgen schon
die Straßenseite wechseln, 
sobald es uns kommen sieht.

Orsolya Kalász
aus: Orsolya Kalász, Das Eine, Brüterich Press, 2016, Berlin



Vergnügungen

Der erste Blick aus dem Fenster am Morgen
Das wiedergefundene alte Buch
Begeisterte Gesichter
Schnee, der Wechsel der Jahreszeiten
Die Zeitung
Der Hund
Die Dialektik
Duschen, Schwimmen
Alte Musik
Bequeme Schuhe
Begreifen
Neue Musik
Schreiben, Pflanzen
Reisen
Singen
Freundlich sein.

Bertolt Brecht

aus: Christine Knödler, Warum ist Rosa kein Wind?, 
Ravensburger, 2014, Ravensburg 


Samstag, 15. Juli 2017

Wie man einen Vogel zeichnet

Male zuerst einen Käfig
mit einer offenen Tür
dann male 
irgendetwas Hübsches
irgendetwas Einfaches
irgendetwas Schönes
irgendetwas Nützliches 
was nun den Vogel angeht
so lehne die Leinwand an einen Baum
in einem Garten
in einem Wäldchen
verbirg dich hinter dem Baum
ohne zu sprechen
ohne dich zu rühren...
Bisweilen kommt der Vogel bald
aber er kann ebenso gut viele Jahre brauchen
bis er sich dazu entschließt
Verlier nicht den Mut
warte 
warte wenn's sein muss jahrelang
denn der rasche oder langsame Anflug des Vogels
hat nichts zu tun
mit dem Gelingen des Bildes
Wenn der Vogel kommt
falls er kommt 
so sei ganz still
warte bis der Vogel in den Käfig schlüpft
und wenn er hineingeschlüpft ist
schließe mit dem Pinsel leise die Tür
dann
tilge nacheinander alle Gitterstäbe aus 
wobei du keine einzige Feder des Vogels berühren darfst
Sodann male den Baum
und wähle den schönsten seiner Äste 
für den Vogel
male auch das grüne Laub und den frischen Wind
den Sonnenstaub
und das Gesumm der Grastiere in der Sommerglut
und dann warte ob der Vogel sich entschließt zu singen
Wenn der Vogel nicht singt 
so ist ein schlechtes Zeichen
Ein Zeichen dass das Bild schlecht ist
Aber wenn er singt ist es ein gutes Zeichen
ein Zeichen dass du das Bild mit deinem Namen zeichnen darfst
dann zupfst du ganz sacht 
eine Feder aus dem Vogelgefieder
und schreibst in eine Ecke des Bildes deinen Namen nieder.

Peindre d'abord une cage
avec une porte ouverte
peindre ensuite
quelque chose de joli
quelque chose de simple
quelque chose de beau
quelque chose d'utile
pour l'oiseau
placer ensuite la toile contre un arbre
dans un jardin
dans un bois
ou dans une forêt
se cacher derrière l'arbre
sans rien dire
sans bouger...
Parfois l'oiseau arrive vite
mais il peut aussi mettre de longues années
avant de se décider
Ne pas se décourager
attendre
attendre s'il le faut pendant des années
la vitesse ou la lenteur de l'arrivée de l'oiseau
n'ayant aucun rapport
avec la réussite du tableau
Quand l'oiseau arrive
s'il arrive
observer le plus profond silence
attendre que l'oiseau entre dans la cage
et quand il est entré
fermer doucement la porte avec le pinceau
puis
effacer un à un tous les barreaux
en ayant soin de ne toucher aucune des plumes de l'oiseau
Faire ensuite le portrait de l'arbre
en choisissant la plus belle de ses branches
pour l'oiseau
peindre aussi le vert feuillage et la fraîcheur du vent
la poussière du soleil
et le bruit des bêtes de l'herbe dans la chaleur de l'été
et puis attendre que l'oiseau se décide à chanter
Si l'oiseau ne chante pas
C'est mauvais signe
signe que le tableau est mauvais
mais s'il chante c'est bon signe
signe que vous pouvez signer
Alors vous arrachez tout doucement
une des plumes de l'oiseau
et vous écrivez votre nom dans un coin du tableau.

Jacques Prévert
aus: Christine Knödler (Hrsg.), 
Warum ist Rosa kein Wind?, 
Ravensburger, 2014, Ravensburg &
Librairie Gallimard, 1962, Paris



Freitag, 14. Juli 2017

Dieser Morgen

Dieser Morgen ist so beschaffen, daß ihn das bloße Verrinnen der Zeit nie veranlassen wird heraufzudämmern. Das Licht, das unsere Augen erlöschen macht, ist Dunkelheit für uns. Nur der Tag bricht an, für den wir wach sind. Noch mancher Tag harrt des Anbruchs. Die Sonne ist nur ein Morgenstern. 

Henry David Thoreau
aus: Henry David Thoreau, Walden oder Leben in den Wäldern, Diogenes Verlag, 2015, Zürich