... salut de nouveau

Wieder auf Reisen.
Du fragst oft nach mir.
Ich telephonier
noch vorm Zubettgehen mit dir.


Freu mich auf den Moment,
wenn ich steh in der Tür,

und du läufst mir jauchzend entgegen.

...

Und dann öffne ich meine Arme für dich.
Ja, dann öffne ich meine Arme für dich!


Dann öffne ich meine Arme, Gerhard Schöne (1992)


Dienstag, 21. März 2017

Internationaler Tag des Waldes - mit Unterstützung der NGO Survival International

Das ist das erste Mal, dass ich hier einmal Werbung publiziere - aber aus absolut gutem Grund: Survival International kämpft seit 1969 für die Rechte Indigener, unter anderem auch für das Recht, unkontaktiert zu bleiben und auch für jenes, in einem zum Nationalpark erklärten Gebiet weiterhin leben zu dürfen. Dieser Kampf ist beileibe kein kleiner mehr, da die Landrechte indigener Völker durch Abholzung, Wilderei und staatliche Repressionen akut bedroht sind. Survival International arbeitet ausschließlich mit Spendengeldern und ist die weltweit einzige Organisation, die nur für die Rechte Indigener kämpft. Weitere Infos gibt es hier: http://www.survivalinternational.de/

Aujourd'hui, c'est la toute première fois que j'y publie de la publicité - et pour cause: Depuis 1969, Survival International se bat pour les droits des Indigènes, dont aussi pour le droit de rester non-contacté-e-s et pour le celui-ci de continuer à vivre dans un territoire déclaré comme parc national. Cette lutte-là n'est surtout plus une petite car les droits d'utilisation du sol par les peuples indigènes sont fortement menacés par le déboisement, le braconnage et les représailles nationales. Survival International se finance exclusivement des dons caricatifs et elle est la seule organisation dans le monde entier qui ne se bat que pour les droits des Indigènes. Plus d'infos: http://www.survivalinternational.fr/

Montag, 20. März 2017

Leben wie Franzosen Auto fahren

Ich möchte leben wie Franzosen Auto fahren
eine Delle macht nichts aus
und wenn die Kreuzung voll ist
fährt man trotzdem drauf
kann sein, dass man im Weg steht
wenn man nicht auf dem Gehweg geht
tut mir auch nicht leid
tut mir auch nicht leid
Auch Sommersprossen sind Gesichtspunkte
hab ich irgendwo gelesen
und selbst die verschwinden mit zu wenig Sonne
gerade so als wäre nichts gewesen

Ich möchte leben wie Franzosen Auto fahren
egal wo man parkt
und eine rote Ampel ist immer nur ein Vorschlag
kann sein, dass man sich weh tut
wenn man den falschen Typen anhupt
tut mir auch nicht leid
tut mir auch nicht leid

Unsere Blicke sind so eingefahren,
dass unsere Augen Spurrillen haben
und immer auf dieselbe Stelle blicken
sich immer die gleichen
Dinge aus den Dingen picken

Ich möchte leben wie Franzosen Auto fahren
mal rechts, mal links, mal rückwärts
vom jetzigen Standpunkt aus
geht es immer nur vorwärts
kann sein, dass mal was schief geht
wenn man nicht den geraden Weg wählt
tut mir auch nicht leid
tut mir auch nicht leid
nein, nein, nein

Es gibt nicht viel zu entscheiden
letzten Endes nur zu gehen oder zu bleiben
und der der geht ist langsamer als der der bleibt
weil er viel später
seinen Ruhepunkt erreicht

Ich möchte leben wie Franzosen Auto fahren
eine Delle macht nichts aus
und wenn die Kreuzung voll ist
fährt man trotzdem drauf
kann sein, dass man im Weg steht
wenn man nicht den geraden Weg wählt
tut mir auch nicht leid
tut mir auch nicht leid
nein. nein. nein

Wolfgang Müller



Creep

Outstanding!

Sonntag, 19. März 2017

Unaufmerksamkeit


Gestern betrug ich mich schlecht im Kosmos.
Den ganzen Tag lebte ich, ohne zu fragen, 
ohne mich über etwas zu wundern.

Ich verrichtete die alltäglichen Dinge,
als wäre das alles, was ich zu tun habe.

Einatmen, Ausatmen, Schritt für Schritt, Pflichten,
aber ohne einen Gedanken, der weiter reichte
als zum Verlassen des Hauses und zur Rückkehr,

Die Welt hätte als verrückte Welt wahrgenommen werden können,
aber ich nahm sie nur für den täglichen Bedarf.

Weder »wie« noch »warum«,
woher sie eigentlich kommt
und wozu sie so viele lebhafte Details braucht.

Ich war wie ein zu flach in die Wand geschlagener Nagel
oder
(hier ein Vergleich, der mir fehlte).

Eine Veränderung nach der anderen vollzog sich
selbst im beschränkten Feld eines Augenblicks.

Am jüngeren Tisch, mit der um einen Tag jüngeren Hand,
wurde das gestrige Brot anders geschnitten.

Die Wolken wie nie und der Regen wie nie,
fiel er doch in anderen Tropfen.

Die Erde drehte sich um ihre Achse,
aber in einem jetzt für immer verlassenen Raum.

Das dauerte gut vierundzwanzig Stunden.
1440 Minuten Gelegenheit.
86 400 Sekunden zur Einsicht.

Das kosmische
Savoir-vivre
wenn es auch über uns schweigt,
so verlangt es doch etwas von uns:
ein wenig Aufmerksamkeit, ein paar Sätze Pascal
und unsere verwunderte Teilnahme an diesem Spiel
mit unbekannten Regeln.

Wisława Szymborska

Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall.
Aus: Glückliche Liebe und andere Gedichte. Berlin: Suhrkamp Verlag 2012.



Samstag, 18. März 2017

Schrecklicher Traum eines Dichters


Stell dir vor, was ich geträumt habe.
Scheinbar alles genau wie bei uns.
Boden unter den Füßen, Wasser, Feuer, Luft,
Vertikale, Horizontale, Dreieck, Kreis,
linke und rechte Seite.
Das Wetter erträglich, die Landschaft nicht schlecht
und eine Menge mit Sprache begabter Wesen.
Doch ihre Sprache anders als auf der Erde.

In den Sätzen herrscht die Wirklichkeitsform.
Die Namen decken sich exakt mit den Dingen.
Nichts hinzuzufügen, nichts wegzunehmen, zu ändern oder umzustellen.

Die Zeit ist immer die auf der Uhr.
Vergangenheit und Zukunft haben engen Spielraum.
Für Erinnerungen eine einzige vergangene Sekunde,
für Vorhersagen eine zweite,
die soeben beginnt.

Worte - nur die nötigsten. Nie eins zuviel,
und das bedeutet - keine Poesie,
keine Philosophie und keine Religion.
Solcher Unfug kommt dort nicht in Frage.

Nichts, was man sich nur vorstellen
oder mit geschlossenen Augen sehen kann.

Wenn man sucht, dann das, was auf der Hand liegt.
Wenn man fragt, dann danach, worauf es eine Antwort gibt.
Sie würden sich sehr wundern,
wenn sie sich wundern könnten,
daß es irgendwo Gründe zum Wundern gibt.

Das Stichwort »Unruhe« gilt bei ihnen als obszön,
es hätte nicht den Mut, sich im Wörterbuch zu finden.

Die Welt erscheint klar
selbst bei tiefster Dunkelheit.

Sie wird jedem gewährt, zu erschwinglichem Preis.
Niemand verlangt an der Kasse den Rest.

Aus Gefühlen: Befriedigung. Und nichts in Klammern.
Leben mit einem Punkt am Ende. Und das Dröhnen der Galaxien,

Gib zu, etwas Schlimmeres
kann dem Dichter nicht passieren.
Und dann nichts Besseres
als schnell aufzuwachen.

Wisława Szymborska

Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall.
Aus: Glückliche Liebe und andere Gedichte. Berlin: Suhrkamp Verlag 2012.



Freitag, 17. März 2017

Trost


Darwin.

Angeblich las er zur Entspannung Romane.
Doch er stellte Ansprüche:
Sie durften nicht traurig enden.
Wenn er auf einen traurigen stieß,
warf er ihn wütend ins Feuer.

Ob’s stimmt oder nicht –
ich glaub es gern.

Sein Geist durchmaß so viele Gebiete und Zeiten,
er sah sich so viele ausgestorbene Gattungen an,
Triumphe der Stärkeren über die Schwächeren,
so viele Überlebensversuche,
früher oder später vergeblich,
daß er sich zumindest von der Fiktion
und ihrer Mikroskala
mit Recht ein Happy-End erhoffte.

Also unbedingt: ein Lichtstrahl hinter den Wolken,
die Geliebten wieder vereint, die Familien versöhnt,
die Zweifel zerstreut, die Treue belohnt,
das Vermögen zurückgewonnen, die Schätze ausgegraben,
die Nachbarn zerknirscht über ihre Sturheit,
der gute Name wiederhergestellt, die Habgier beschämt,
die alten Jungfern an ehrbare Pastoren vergeben,
die Intriganten auf die andere Halbkugel verbannt,
die Dokumentenfälscher von der Treppe gestoßen,
die Mädchenverführer auf dem Weg zum Altar,
die Waisen in Obhut, die Witwen beruhigt,
der Hochmut ganz klein, die Wunden verheilt,
die verlorenen Söhne an den Tisch gebeten,
der bittere Kelch ins Meer geleert,
die Taschentücher naß von Freudentränen,
allgemeines Singen und Musizieren,
und das Hündchen Fido,
schon im ersten Kapitel verschwunden –
möge es wieder durchs Haus laufen
und fröhlich bellen.

 Wisława Szymborska



Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall.
Aus: Glückliche Liebe und andere Gedichte. Berlin: Suhrkamp Verlag 2012.



Donnerstag, 16. März 2017

Morgen - ohne uns


Der erwartete Morgen ist kühl und neblig.
Von Westen her
beginnen Regenwolken aufzuziehen.
Die Sicht wird schlecht sein.
Die Straßen glatt.

Allmählich, im Laufe des Tages,
unter dem Einfluß eines Hochs von Norden
sind örtlich Aufheiterungen möglich.
Doch bei starken und wechselhaften Windstößen
kann es Gewitter geben.

In der Nacht
klart es fast im ganzen Land auf,
nur im Südwesten
sind Niederschläge nicht auszuschließen.
Die Temperatur wird merklich fallen,
dafür steigt der Luftdruck.

Der nächste Tag
verspricht sonnig zu werden,
obwohl jene, die leben,
noch einen Regenschirm brauchen.

Wisława Szymborska