... salut de nouveau

Wieder auf Reisen.
Du fragst oft nach mir.
Ich telephonier
noch vorm Zubettgehen mit dir.


Freu mich auf den Moment,
wenn ich steh in der Tür,

und du läufst mir jauchzend entgegen.

...

Und dann öffne ich meine Arme für dich.
Ja, dann öffne ich meine Arme für dich!


Dann öffne ich meine Arme, Gerhard Schöne (1992)


Samstag, 12. Januar 2013

Wenn ich dich verliere



Wenn ich dich verliere,
Und das wird bald sein,
So wie ich heute friere,
Wird es dann kalt sein.

Wie wir heute reden
Werden wir dann schweigen
Unter romanischen Bögen,
Unter Apfelzweigen.

Aus den Händen fallen,
Sich nicht mehr erreichen. 
Sehe schon in allem 
Abschied als Zeichen.

Bis wir einander verschwinden,
Kann es uns immer geben,
Bis wir uns nicht mehr finden,
Jeder im anderen Leben.

Zeit geht und macht, dass ich friere.
Was uns bedrängt, wird dann alt sein,
Wenn ich dich verliere,
Und das wird bald sein.

Hans-Eckardt Wenzel, Seit ich am Meer bin, matrosenblau Verlag, 2011, Berlin



Freitag, 11. Januar 2013

Regen


Immer Regen, morgen werden
Wieder Regen auf uns fließen
Immer Regen hier auf Erden
Immer so ein Tränengießen

Liebste, an den Fensterscheiben
Lies die unbekannten Zeichen
So als wollten sie dir schreiben
Alles bliebe nur beim Gleichen

Immer Pfützen auf den Wegen
Immer Mantel Schirm und Hut
Schon das ganze Leben Regen
Immer Wasser noch im Blut.

Hans-Eckardt Wenzel,  Antrag auf Verlängerung des Monats August, Mitteldeutscher Verlag, 1986,  Halle/Leipzig


Donnerstag, 10. Januar 2013

Dezember

Sich umzudrehn, ein letzter Aufenthalt.
Der Weg, das Dorf, Minuten, die Epochen.
Nun wird es spät und klar und kalt.
Die Linden klappern laut mit ihren Knochen.

Der Wind dreht weg und wieder fällt kein Schnee,
Und schon beginnt die Ferne neu zu flimmern.
Ein harter Strich durchs Land ist die Allee.
Die Menschen sitzen in den guten Zimmern.

Zwölf Monde sind verbraucht, das Jahr ist leer,
Von Sommern fern, so fern von Paradiesen.
Der Abend kommt, das Land steigt in das Meer,
Und Sterne stürzen in die Wiesen.


Hans-Eckardt Wenzel




Manches geschieht besser im Dezember, dann hätte man fürs neue Jahr gewusst, was man hätte hoffen sollen. Und dennoch jede Minute zusammen ausgekostet und genossen. Kleines Monster Sehnsucht. 
L.


Mittwoch, 9. Januar 2013

Brief vom Land (April)



Schön ist es, dir zu schreiben
Aus der Verlassenheit.
Die Wiesen hintern Fensterscheiben
Gehn Kilometer weit.

Die Stadt liegt mir im Magen
Mit ihrem öden Krach.
Bin schlaflos schon seit Tagen,
Nicht müde und nicht wach.

Seh dich durch Straßen fahren
Im gelben Autobus.
Als wären wir seit Jahren
Getrennt, bis ganz zum Schluß.

Nur Stille hier, seit Tagen
Kein Brief, kein Telefon,
Nicht sprechen, hören, fragen,
Das Herz, nur monoton.

Nun sind wir zwei uns ferne.
Die Flucht ist selbst gewählt.
Die Wolken und die Sterne
Sind längst schon abgezählt.

Was ich besaß, das störte.
Was ich ersehnt, war weit.
Nur was mir nicht gehörte
Blieb eine Kostbarkeit.

Verketzert sind die Frommen,
Verbrannt, was einst noch fror,
Es kann nur nah sich kommen,
Was fern sich war, zuvor.

Denn wärst du hier geblieben,
Dann wärn wir schon entzweit,
Es gehn die grünen Wiesen
Hier Kilometer weit.

Hans-Eckardt Wenzel



Dienstag, 8. Januar 2013

Geschwindigkeitskontrolle

Ich spreche zu schnell. Ich verschlinge
Die Mahlzeiten. Auch die Zahl
Am Tachometer ist ungesetzlich. Ich bin
Ein schlechtes Beispiel. Ich lebe gern.

Um Verzeihung bitte ich für meine Hast,
Wenn die Schwalben aufbrechen oder Freunde
Verdächtigt werden, um Vergebung
Bitte ich euch für all die Niederlagen,
Die sich mit mir zu Tisch setzen,
Für die Verzweiflung über uralte Geschichten,
Die ich in zwei Minuten aufklären möchte.

Ich selbst bin vielleicht gar nicht fähig,
Jemals anders zu denken, als ich
Denke. Vielleicht verhindert meine 
Angestrengte Anteilnahme, die über den 
Globus hetzt, jene Leichtigkeit 
Besserer Zeiten. Vielleicht.

Aber ich lebe gern. Leidenschaftlich
Paff ich Zigaretten, trinke Alkohol,
Schlafe kurz und schlecht, wie ein
Vom Jahrhundert Gejagter, der
Autobahnabfahrten verwechselt, der 
Kinder in Nächten voller Heimweh
Zeugt und vergißt, der nicht 
Danach trachtet, seine Feinde
Zu überleben. Ich bin ein schlechtes Beispiel.

Ich weiß nicht, ist dabei von Belang:
In meinen Fingern, das Morsen
Fernster Stationen, unaufhörlich  
Dieser Rhythmus, der meine Zeit
Kleinhackt in winzige Einheiten;
Oder die telepathische Sehergabe
Beim Abzählen der Sekunden, Sekunden, 
In denen ein Mensch stirbt.

Vielleicht ist das normal, und nur
Meine Unrast und irgendwas mit Europa
Ist daran schuld. Aber ich lebe gern.

Ich möchte doch erklären, warum ich,
Zappelnd in einer Geschwindigkeitsfalle,
Mehr gewußt als getan habe,tun konnte.
Warum denke ich so oft in der Einzahl?

Wie hektisch ich zum Beispiel die Zeitung
Umblättere, verrät mich eindeutig.
Selbst zur Verzweiflung lass ich mir kaum
Zeit. Ich muß noch zuviel erledigen.

Zu wenige Sekunden, in denen mein Glück
Nicht blind war oder überfüttert, bleiben mir.
Vielleicht im Frühjahr der Moment,
Wenn ich über die Bäume staune, wenn 
Die junge Katze den Füller vom Tisch wirft,
Wenn die Luft nach Regen schmeckt, wenn 
In Nicaragua die Ernte gut wird, wenn 
Ein fester Pilz die ganze Küche 
Mit seinem Geruch füllt.

Hans-Eckardt Wenzel, Antrag auf Verlängerung des Monats August, Mitteldeutscher Verlag, 1986, Halle/Leipzig








Montag, 7. Januar 2013

Berlin entgegen...


"Ich glaube, es hat keinen Zweck! Soviel ich mir auch notiert habe, ich weiß doch nicht, worum es sich bei meiner Reise gehandelt hat, und die Sprache steht mir nicht zur Verfügung. Aber das macht nichts. Ich will meine Droschke verkaufen und noch über die Welt was lernen. Was genau, weiß ich noch nicht." Ihr gefiel gut, was ich sagte. "Fangen Sie mit irgend etwas an", erwiderte sie, "es ist wie bei einem großen Bücherschrank." - "Ich würde Sie gerne wiedersehen!", sprach ich und fand, daß es mir gut gelungen war, genau das zu sagen, was ich wollte. Wir tauschten Adressen aus. Sie wohnt in München-Schwabing.
In Helmstedt stieg sie aus, um über Jerxheim nach Braunschweig zurückzufahren und von dort aus vielleicht weiter in den Bayerischen Wald. Es wurde dunkel. Ich fuhr Berlin entgegen, schaute zum Fenster hinaus, war glücklich und machte allerei Pläne.

Sten Nadolny, Netzkarte, München, 1994, Serie Piper / Paul List Verlag


Sonntag, 6. Januar 2013

Wiedergefundenes.


Komm, wir bauen uns ein paar Flügel, schauen uns die Welt von oben an und träumen uns einen neuen Tag.

Karin an Luise