... salut de nouveau

Wieder auf Reisen.
Du fragst oft nach mir.
Ich telephonier
noch vorm Zubettgehen mit dir.


Freu mich auf den Moment,
wenn ich steh in der Tür,

und du läufst mir jauchzend entgegen.

...

Und dann öffne ich meine Arme für dich.
Ja, dann öffne ich meine Arme für dich!


Dann öffne ich meine Arme, Gerhard Schöne (1992)


Dienstag, 11. April 2017

Schwache Stunde


Nun geben
die  Antworten
den Antworten
fertige Antwort
und die Fragen
fragen nicht mehr

Was wären das auch
für Fragen?
"Hast du die Liebe gesehen?
Warum läuft sie davon?
Seit wann
geht Liebe
nicht mehr 
zur Liebe?

Was ist das für eine Liebe
die so etwas tut?
Ihre feindlichen

fernen Verwandten
sind so
Aber sie 
heißt doch Liebe?

Soll man sie
anders nennen?
Und kann man sie rufen
daß sie umkehrt
und nicht davonläuft?"
Das wären noch immer
Fragen

Aber die Fragen
fragen nicht mehr
und nur 
die fertigen Antworten
geben den Antworten
Antwort

Erich Fried
aus: Erich Fried, Gedichte, dtv, 1995, München


Montag, 10. April 2017

Frau Welt

Ich bin
zur Welt
gekommen
und bin nun
endlich so weit

laut
zu fragen
wie ich
dazukomme
zu ihr zu kommen

Sie kommt
und sagt leise:
Du kommst nicht
du bist schon 
im Gehen

Erich Fried
aus: Erich Fried, Gedichte, dtv, 1995, München


Sonntag, 9. April 2017

Verlassenes Zimmer


Im Zimmer der Staub
zart auf den Fensterscheiben
der leise Staub
auf dem Tisch
auf dem alten Kissen:
Pfirsichflaum
der streichelt 
die streichelnde Hand
der zeigt der Sonne
den Weg durch geschlossene Fenster

Müde sein
und nicht weinen wollen
und nicht
sterben wollen
geweint haben und schon tot sein: 
Im leichten Staub
der dem Sonnenlicht seinen Weg zeigt
auf dem Kissen liegen
nicht wieder 
nein immer 
noch immer
und schon für immer
Staub auf Staub unter Staub

Staub auf dem Tisch
auf dem Bett
auf den Fensterscheiben:
Staub im Staub
Sonne im Staub
Staub in der Sonne
Ich Staub im Zimmer der Sonne
ich Staub auf dem Kissen
ich Wieder ich Noch ich Immer
im Zimmer aus Staub

Erich Fried
aus: Erich Fried, Gedichte, dtv, 1995




Samstag, 8. April 2017

Verdammt schönes Cover.


Jedenfalls


Es hätte geschehen können.
Es hätte geschehen müssen.
Es war schon geschehen. Später.
Näher. Ferner.
Es ist nicht dir geschehen.

Du überlebtest, denn du bist der erste gewesen.
Du überlebtest, denn du bist der letzte gewesen.
Weil selbst. Weil die Menschen.
Weil links. Weil rechts.
Weil Regen. Weil Schatten.
Weil Sonne.

Zum Glück gabs den Wald.
Zum Glück keine Bäume.
Zum Glück das Gleis, den Haken, den Balken, die Bremse,
die Nische, die Kurve, den Millimeter, eine Sekunde.
Zum Glück schwamm ein Strohhalm im Wasser.

Infolge, deswegen, und dennoch, trotzdem. 
Was wär, wenn das Hand, das Bein,
einen Schritt, eines Haares Breite
vom Zufall.

Also du bist? Stracks aus dem noch durchlässigen Moment?
Das Netz aus einer Masche, und du durch diese Masche? 

Ich kann mich nicht genug darüber wundern, schweigen. 

Höre, 
wie schnell mir dein Herz schlägt.

Wisława Szymborska
aus: Wisława Szymborska, Salz. Gedichte, Suhrkamp Verlag, 1973, Frankfurt




Freitag, 7. April 2017

Heimkehr


Er kam nach Hause. Sagte kein Wort.
Klar, daß er Ärger hatte.
Legte sich unausgezogen hin. 
Verbarg den Kopf in der Decke.
Zog seine Knie an.

Er ist etwa vierzig, doch nicht in diesem Moment.
Er ist nicht mehr als damals im Mutterleib, 
hinter den sieben Häuten, im schützenden Dunkel.
Morgen wird er den Vortrag halten über Homöostase
in der metagalaktischen Kosmonautik.
Vorläufig liegt er zusammengerollt
und schläft.

Wisława Szymborska
aus: Wisława Szymborska, Salz. Gedichte, Suhrkamp Verlag, 1973, Frankfurt


Bescheidene Anfrage

Steht mein Bild wohl noch auf deinem Tisch?
Kramst du manchmal noch in meinen Briefen?
Ist das kleine Landhaus mit dem schiefen
Bretterdach auch jetzt noch malerisch?


Geht die Haustürklingel noch so schrill
Und verklingt erschrocken immer leiser ...
Bellt dein Dackel Julius noch so heiser?
Ists am Abend so wie damals still ?


Hast du immer noch kein Telephon?
Gibts auf dem Balkon noch Hängematten?
Spielt ihr manchmal noch die Schubertplatten
Auf dem altersschwachen Grammophon?


Gibts zum Tee noch immer Zuckerschnecken?
Sagt Johanna immer noch «der» Gas ... ?
Darf man in das teure Gartengras
Immer noch nicht seine Beine strecken?


Weht der Seewind morgens noch so frisch?
Grinst der Mond des Nachts noch so verlegen?
Gehst du manchmal mir zur Bahn entgegen?
... Steht mein Bild wohl noch auf deinem Tisch?


Steht mein Bild ...? - Ich hab’ es selbst zerrissen!
Glaub nur nicht, ich hätte deins vermißt.
Aber manchmal möcht man manches wissen,
Wenn man so mit sich alleine ist ...


Mascha Kaléko