... salut de nouveau

Wieder auf Reisen.
Du fragst oft nach mir.
Ich telephonier
noch vorm Zubettgehen mit dir.


Freu mich auf den Moment,
wenn ich steh in der Tür,

und du läufst mir jauchzend entgegen.

...

Und dann öffne ich meine Arme für dich.
Ja, dann öffne ich meine Arme für dich!


Dann öffne ich meine Arme, Gerhard Schöne (1992)


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Sonntag, 16. April 2017

Lebenslauf


Ich war kein Stein keine Wolke
keine Glocke und keine Laute
geschlagen von einem Engel oder von einem Teufel
Ich war von Anfang an nichts als ein Mensch
und ich will auch nicht etwas anderes sein

Als Mensch bin ich aufgewachsen
und habe Unrecht erlitten
und manchmal Unrecht getan
und manchmal Gutes

Als Mensch empöre ich mich
gegen Unrecht und freue mich 
über jeden Schimmer von Hoffnung
Als Mensch bin ich wach und müde
und arbeite und habe Sorgen
und Hunger nach Verstehen
und nach Verstandenwerden

Als Mensch habe ich Freude an meinen Freunden
und habe Freude an Frau und Kindern und Enkeln
und habe Angst um sie und Sehnsucht nach Sicherheit
und will mit Menschen sein und manchmal allein sein
und bedauere jede Nacht ohne Liebe 

Als Mensch bin ich krank und alte
und werde sterben
und werde kein Stein sein
keine Wolke und keine Glocke
sondern Erde und Asche
und darauf kommt es nicht an

Erich Fried
aus: Erich Fried, Gedichte, dtv, 1995, München


Samstag, 15. April 2017

Kein Unterschlupf



Nicht sich verstecken
vor den Dingen
der Zeit 
in der Liebe

Aber auch nicht
vor der Liebe
in die Dinge 
der Zeit

Erich Fried
aus: Erich Fried, Gedichte, dtv, 1995, München















Freitag, 14. April 2017

Die Warner


Wenn Leute dir sagen:
"Kümmere dich nicht
soviel 
um dich selbst"
dann sieh dir
die Leute an
die dir das sagen:
An ihnen kannst du erkennen
wie das ist
wenn einer 
sich nicht genug 
um sich selbst 
gekümmert hat

Erich Fried
aus: Erich Fried, Gedichte, dtv, 1995, München


Donnerstag, 13. April 2017

Lob der Verzweiflung


Es ist ein verzweifeltes Tun
die Verzweiflung herunterzumachen
denn die Verzweiflung macht unser Leben zu dem was es ist
Sie denkt das aus
vor dem wir Ausflüchte suchen
Sie sieht dem ins Gesicht
vor dem wir die Augen verschließen

Keiner der weniger oberflächlich wäre als sie
Keiner der bessere Argumente hätte als sie
Keine der in Erwägung all dessen
was sie und wir wissen
mehr Recht darauf hätte als sie
so zu sein wie sie ist

Früh am Morgen fühlt sie sich fast noch glücklich
Erst langsam erkennt sie sich selbt
Nach den ersten Worten
die sie mit irgendwem wechselt beginnt sie zu wissen: 
sie ist nicht froh
sie ist noch immer sie selbst

Die Verzweiflung ist nicht frei von Launen und Schwächen
Ob ihr Witz eine Stärke oder eine Schwäche ist
weiß sie selbst nicht
Sie kann zornig sein
sie kann bissig und ungerecht sein
sie kann zu besorgt sein um ihre eigene Würde

Aber ohne den Mut zur Verzweiflung wäre vielleicht
noch weniger Würde zu finden
noch weniger Ehrlichkeit
noch weniger Stolz der Ohnmacht gegen die Macht
Es ist ungerecht die Verzweiflung zu verdammen
Ohne Verzweiflung müßten wir alle verzweifeln

Erich Fried
aus: Erich Fried, Gedichte, dtv, 1995, München


Mittwoch, 12. April 2017

Nur nicht


Das Leben 
wäre
vielleicht einfacher
wenn ich dich
gar nicht getroffen hätte

Weniger Trauer
jedes Mal
wenn wir uns trennen müssen
weniger Angst
vor der nächsten
und übernächsten Trennung

Und auch nicht soviel
von dieser machtlosen Sehnsucht
wenn du nicht da bist
die nur das Unmögliche will
und das sofort
im nächsten Augenblick
und die dann
weil es nicht sein kann
betroffen ist
und schwer atmet

Das Leben 
wäre vielleicht
einfacher 
wenn ich dich
nicht getroffen hätte
Es wäre nur nicht
mein Leben

Erich Fried
aus: Erich Fried, Gedichte, dtv, 1995, München


Dienstag, 11. April 2017

Schwache Stunde


Nun geben
die  Antworten
den Antworten
fertige Antwort
und die Fragen
fragen nicht mehr

Was wären das auch
für Fragen?
"Hast du die Liebe gesehen?
Warum läuft sie davon?
Seit wann
geht Liebe
nicht mehr 
zur Liebe?

Was ist das für eine Liebe
die so etwas tut?
Ihre feindlichen

fernen Verwandten
sind so
Aber sie 
heißt doch Liebe?

Soll man sie
anders nennen?
Und kann man sie rufen
daß sie umkehrt
und nicht davonläuft?"
Das wären noch immer
Fragen

Aber die Fragen
fragen nicht mehr
und nur 
die fertigen Antworten
geben den Antworten
Antwort

Erich Fried
aus: Erich Fried, Gedichte, dtv, 1995, München


Montag, 10. April 2017

Frau Welt

Ich bin
zur Welt
gekommen
und bin nun
endlich so weit

laut
zu fragen
wie ich
dazukomme
zu ihr zu kommen

Sie kommt
und sagt leise:
Du kommst nicht
du bist schon 
im Gehen

Erich Fried
aus: Erich Fried, Gedichte, dtv, 1995, München


Sonntag, 9. April 2017

Verlassenes Zimmer


Im Zimmer der Staub
zart auf den Fensterscheiben
der leise Staub
auf dem Tisch
auf dem alten Kissen:
Pfirsichflaum
der streichelt 
die streichelnde Hand
der zeigt der Sonne
den Weg durch geschlossene Fenster

Müde sein
und nicht weinen wollen
und nicht
sterben wollen
geweint haben und schon tot sein: 
Im leichten Staub
der dem Sonnenlicht seinen Weg zeigt
auf dem Kissen liegen
nicht wieder 
nein immer 
noch immer
und schon für immer
Staub auf Staub unter Staub

Staub auf dem Tisch
auf dem Bett
auf den Fensterscheiben:
Staub im Staub
Sonne im Staub
Staub in der Sonne
Ich Staub im Zimmer der Sonne
ich Staub auf dem Kissen
ich Wieder ich Noch ich Immer
im Zimmer aus Staub

Erich Fried
aus: Erich Fried, Gedichte, dtv, 1995




Mittwoch, 5. April 2017

Fragen

für Ivan Divis

Wie groß ist dein Leben?
Wie tief?
Was kostet es dich?
Bis wann zahlst du?
Wieviel Türen hat es?
Wie oft 
hast du schon ein neues begonnen?

Warst du schon einmal 
gezwungen um es zu laufen?
Wenn ja

bist du runherum gelaufen
im Kreis oder hast du 
Einbuchtungen mitgelaufen?
Was dachtest du dir dabei?

Woran erkanntest du
daß du ganz herum warst?
Bist du mehrmals gelaufen?
War das dritte Mal
wie das zweite?

Würdest du lieber 
die Strecke im Wagen fahren? 
oder gefahren werden?
in welcher Richtung?
von wem?

Erich Fried
aus: Erich Fried, "Gedichte", dtv, 1995, München


Samstag, 1. April 2017

Einer singt

Einer singt
aus Angst
gegen Angst

Einer singt
aus Not 
gegen Not

Einer singt
aus der Zeit 
gegen die Zeit

Einer singt
aus dem Staub 
gegen den Staub

Einer singt 
von den Namen
die Namen namenlos machen

Erich Fried
aus: Erich Fried, "Gedichte", dtv, 1995, München


Donnerstag, 30. März 2017

Wintergarten

Deinen Briefumschlag 
mit den zwei gelben und roten Marken
habe ich eingepflanzt
in den Blumentopf

Ich will ihn 
täglich begießen
dann wachsen mir
deine Briefe

Schöne
und traurige Briefe
und Briefe
die nach dir riechen

Ich hätte das 
früher tun sollen
nicht erst 
so spät im Jahr

Erich Fried
aus: Erich Fried, "Gedichte", dtv, 1995, München


Mittwoch, 30. Januar 2013

Freiraum


Jedes Mal
wenn ich jetzt an dich denke
entsteht in meinem Kopf
ein freier Raum
eine Art Vorraum zu dir
in dem sonst nichts ist

Ich stelle fest
am Ende jedes Tages
dass viel mehr freier Raum
in meinem Kopf
übrig gewesen sein muss
als ich sonst glaubte

Erich Fried




Freitag, 25. Januar 2013

Sterbeleben


Ich sterbe immerzu
und immeroffen
Ich sterbe immerfort
und immer hier
Ich sterbe immer einmal
und immer ein Mal.

Ich sterbe immer wieder
Ich sterbe wie ich lebe
Ich lebe manchmal hinaus
und manchmal hinunter
Ich sterbe manchmal hinunter
und manchmal hinauf

Woran ich sterbe?
Am Hass
und an der Liebe
an der Gleichgültigkeit
an der Fülle
und an der Not

An der Leere einer Nacht
am Inhalt eines Tages
immer einmal an uns
und immer wieder an ihnen
Ich sterbe an dir
ich sterbe an mir

Ich sterbe an einigen Kreuzen
Ich sterbe in einer Falle
Ich sterbe an der Arbeit
Ich sterbe am Weg
Ich sterbe am Zuvieltun
und am Zuwenigtun

Ich sterbe so lange
bis ich gestorben bin
Wer sagt
dass ich sterbe?
Ich sterbe nie
sondern lebe

Erich Fried


Sonntag, 13. Januar 2013

Bevor ich sterbe


Noch einmal sprechen
von der Wärme des Lebens
damit noch einige wissen:
Es ist nicht warm
aber es könnte sein

Bevor ich sterbe
noch einmal sprechen
von Liebe
damit noch einige sagen:
Das gab es
das muss es geben

Noch einmal sprechen
vom Glück der Hoffnung auf Glück
damit noch einige fragen:
Was war das
wann kommt es wieder?

Erich Fried




Sonntag, 30. Dezember 2012

Aber solange ich lebe


Auch was
auf der Hand liegt
muss ich
aus der Hand zu geben
bereit sein

und muss wissen
wenn ich liebe
dass es wirklich
die Liebe zu dir ist
und nicht nur
die Liebe zur Liebe zu dir
und dass ich nicht
eigentlich
etwas Uneigentliches will

Aber
solange ich atme
will ich
wenn ich den Atem
anhalte
deinen Atem
noch spüren
in mir

Erich Fried



Dienstag, 25. Dezember 2012

Beschriebene unbeschriebene Liebe

Ich klage:
Die Liebe hat oft 
und oft den Tod beschrieben
aber der Tod nicht die Liebe
und das ist ungerecht.

Der Tod sagt:
Ich habe die Liebe
immer wieder beschrieben
nur ihr könnt meine Schrift nicht lesen
Das ist nicht meine Schuld.

Erich Fried

Dienstag, 8. März 2011

Worte

Wenn meinen Worten die Silben ausfallen vor Müdigkeit
und auf der Schreibmaschine die dummen Fehler beginnen
wenn ich einschlafen will
und nicht mehr wachen zur täglichen Trauer
um das was geschieht in der Welt
und was ich nicht verhindern kann

beginnt da und dort ein Wort sich zu putzen und leise zu summen
und ein halber Gedanke kämmt sich und sucht einen anderen
der vielleicht noch eben an etwas gewürgt hat
was er nicht schlucken konnte
doch jetzt sich umsieht
und den halben Gedanken an der Hand nimmt und sagt zu ihm:

Komm

Und dann fliegen einige von den müden Worten
und einige Tippfehler die über sich selber lachen
mit oder ohne die halben und ganzen Gedanken
aus dem Londoner Elend über Meer und Flachland und Berge
immer wieder hinüber zur selben Stelle

Und morgens wenn du die Stufen hinuntergehst durch den Garten
und stehenbleibst und aufmerksam wirst und hinsiehst
kannst du sie sitzen sehen oder auch flattern hören
ein wenig verfroren und vielleicht noch ein wenig verloren
und immer noch ganz dumm vor Glück daß sie wirklich bei dir
sind


Erich Fried