... salut de nouveau

Wieder auf Reisen.
Du fragst oft nach mir.
Ich telephonier
noch vorm Zubettgehen mit dir.


Freu mich auf den Moment,
wenn ich steh in der Tür,

und du läufst mir jauchzend entgegen.

...

Und dann öffne ich meine Arme für dich.
Ja, dann öffne ich meine Arme für dich!


Dann öffne ich meine Arme, Gerhard Schöne (1992)


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Mittwoch, 31. Oktober 2018

Silesius träumt


Träume sind wahr, weil sie geschehen,
       unwahr, -weil niemand sie sieht,
außer dem einsamen Träumer,
in seinen Augen nur ihm zugehörig.

Niemand träumt uns so, daß wir es wüßten.
Auch im Schlaf schlägt dem Träumer das Herz,
seine Augen schreiben den Traum, er ist jetzt
nicht in der Welt. Er schläft diesseits und jenseits
der Zeit.

Die Seele hat zwei Augen, das träumt er.
Das eine sieht auf die Stunden, das andere
schaut hindurch,
bis wo die Dauer nie endet,
das Sehen im Schauen vergeht.

Cees Nooteboom





Dienstag, 19. Juni 2018

neurotisch



Wenn ich drei Tage nicht schreibe,
                                                                werde ich neurotisch. 
                                                                                           
                                                                     Willem Frederik Hermans im Interview mit Cees Nooteboom, 1978


Freitag, 30. Juni 2017

April auf dem Lande

Es war Sommer und Winter.
Das Wasser am Fluß,
wie es stieg.
Nebel zwischen den Hügeln.
Im Tal die Villen
der Reichen,
verriegelt, rosa und weiß.
Fuchs und Eule 
unsichtbar verborgen,
ein Arbeitstag für Mäuse und Reiher.
Und der Mann, der Frauen liebte, einsam,
seine Gedanken nicht bei den Vögeln.
Tau oder Regen
auf den gekerbten Blättern,
der Ruf eines Zuges
aus der Tiefe.
Wie viele, dachte er, 
wie viele Speichen hat das Rad
eines einzigen 
Tages?

Cees Nooteboom
aus: Cees Nooteboom, Licht überall, Suhrkamp Verlag, 2013, Berlin


Donnerstag, 29. Juni 2017

Mitternacht

Der junge Mann an seinem Tisch
ist ein alter Mann, in eine Zeitung gewickelt.
Es ist Mitternacht, der Tiefkühlmond
ahnt den Weg wohin,

will aber noch nicht. Ein Geist
führt das Buch, in dem das Geschick
lagert, der Schriftsteller 
fehlt, "ist gleich wieder da",

hüte den Laden! Aus der Vergangenheit
schlüpft ein Satz, getarnt,
die Stiefel auf der Straße
suchen ihren Weg in spröden Jahren.

Gewalt ist sanftmütig, der junge Mann
schaut rüber zum alten Mann,
bis der seine Zeitung zu Flügeln faltet
und wegfliegt, ohne zu grüßen.

Auch woanders 
singt es leise.

Wie eine Taube,
die aufgibt.

Cees Nooteboom
aus: Cees Nooteboom, Licht überall, Suhrkamp Verlag, 2013, Berlin


Time is such a hungry beast...

Mittwoch, 28. Juni 2017

Wiedererkennung

Da sah er 
im Park von Charlottenburg
eine Silhouette, scharf
im blendenden 
Sonnenlicht.

Augenblick.
Scheu der ihrige,
paßte zum fallenden Blatt,
dem Schwarz des Weihers,
der Kälte eines anderen Leben.

Was sie sah?
Einen Mann auf einer Bank,
der träumt von einem Gedicht.

Herbst, später Nachmittag.
Die Raben kehrten heim,
schreiende Flecken.

Cees Nooteboom
aus:
Cees Nooteboom, Licht überall, 
Suhrkamp Verlag, 2013, Berlin


Samstag, 24. Juni 2017

Nacht

Nachts, Wolkengebäuden entlang,
und eine letzte Terrasse aus Mondlicht,
der Traum verbotener Reisen,
ein Tor, für immer verschlossen,
nun halb offen, die Gefahr eines anderen
Lebens, ein Gedicht

von einem verkehrten Dasein,
wo der Tod keine Sense hat,
ein Freier auf goldenen Hufen,
der deine Brüste streichelt
und den Teppich der Sterne ausrollt
für dich, um zu schlafen,

Licht überall, bis auf die Zähne
des Raubtiers, auf die Nägel
des Mörders und das glänzende Messer,
das das letzte Wort schreibt,
Feuer, und dann mit deinen Augen von niemand 
sehen ohne jemals ein Ende,

sehen, wer du warst.

Cees Nooteboom
aus: Cees Nooteboom, Licht überall, Suhrkamp Verlag, 2013, Berlin


Freitag, 10. März 2017

Proficiat met je verjaardag!

Ach, wie wundervoll!

Donnerstag, 9. März 2017

Hotel Nooteboom

Ja, es sind wieder gute Tage, um Nooteboom zu lesen und zu hören und zu sehen...
Viel Freude!
L.

Mittwoch, 8. März 2017

Schiffstagebuch

Heute allein hörbarer Genuss! L.

Samstag, 5. Januar 2013

Die Nacht


Die Nacht, an die sich Kai nicht mehr erinnern kann, ist in Lucias Gedächtnis eingeritzt. In dem Wort steckt etwas von Stein auf Stein, und so ist es auch. Das Gedächtnis ist nicht immer eine weiche Masse, die zerfließen will. Das Auto des Clowns glich einem Planwagen, es fehlte nur das Pferd, aber es war nicht sicher, ob sein Motor nicht doch ein Tier war. Sie musste ihm gut zureden und ihn beschwören, ehe sich der Wagen in Bewegung setzte. Später fragte sich Lucia, woher die alte Frau wusste, wohin sie fuhr, und es ist nur gut, dass sie die Frage nicht auch gestellt hatte, denn der Clown hatte keine Ahnung. Nach Osten, mehr wusste sie nicht.

Cees Nooteboom, In den niederländischen Bergen, Suhrkamp Verlag, 1993, Frankfurt am Main




Donnerstag, 27. Dezember 2012

Bücher


Die Situation ist unklar. Ein kleiner Tisch in strömendem Wasser. Wenn seine Beine von normaler Länge sind, kann das Wasser nicht tief sein. Ein breiter Bach oder eine überflutete Stelle. An den kleinen Wellen und Wirbeln sieht man, dass es schnell fließt. Hinter dem Tisch so etwas wie ein Ufer, dann ein dunkler Hintergrund, eine Felswand oder ein bewachsener Hang. Der Tisch ist aus Metall, Platte und Beine sind aus dem gleichen glänzenden Material, modern, alles leicht erkennbar. Er gehört nur nicht ins Wasser, und das schon gar nicht, weil Bücher auf ihm liegen. Menschen sind nirgends zu sehen, ich bin hier der einzige.
Was für Bücher es sind, kann ich nicht sagen, sie liegen geschlossen da, nur der untere Schnitt ist sichtbar. Keine Rücken, keine Buchstaben. Sie sind nicht neu, die Bücher. Sie sind übereinandergestapelt, aber dennoch auch kreuz und quer. Wenn sie lange so liegenbleiben, werden sie feucht. Wem gehören sie? Wer hat sie dort gelassen?
Es könnten Registerbände sein, aber auch Anthologien, Lehrbücher, Abhandlungen, Meisterwerke. Weil sie durcheinanderliegen, kann ich sie nicht richtig zählen, es müssen ungefähr dreißig sein. Wenn ich lange schaue, wird es unbehaglich. Bücher wollen etwas von Menschen, das wollen sie immer, selbst wenn sie geschlossen sind. Ich weiß, dass die Bücher dort im Bach Titel haben, ich weiß, dass die Seiten mit Millionen von Zeichen bedeckt sind, die ich lesen kann, aber ich komme nicht dran. Es sind dicke Bücher, unendlich viele Worte müssen darin stehen, die etwas erzählen oder darlegen wollen, die die Gedanken derjenigen ausdrücken, die sie geschrieben haben. Außer dem strömenden Wasser gibt es zunächst kein eindeutiges Geräusch, dann aber höre ich unter dem leisen Rauschen ein langsam drängender werdendes wütendes Murmeln, als sänge ein Chor mit zusammengebissenen Zähnen, ein atonales, bösartiges Summen, das keine Bedeutung preisgibt, ein erstickendes Lamento aus Druckerschwärze und Papier, das Geräusch, das Bücher machen, wenn sie wissen, sie werden verbrannt oder ertränkt, die Trauer um das, was nie mehr gelesen wird. 

Cees Nooteboom, Briefe an Poseidon, Suhrkamp Verlag, 2013, Berlin



I'm tired
I'm weary
I could sleep for a thousand years

The Velvet Underground / Venus in Furs
(M an  L - 
Take your time, I won't wait.)


Sonntag, 23. Dezember 2012

XIII



Er hat die Frau auf der Straße gesehen und ist mit ihr gegangen. Treppen, ein erniedrigtes Haus. Die Frau ist jung, die Wüste ist ihr Ursprung. Beide sind fremd in der Stadt, was sie verbindet, ist Verbannung, Aussonderung. Lust ist der Vorwand. Das andere bleibt, ein Gerücht zwischen Menschen. Sie kniet auf dem Bett, so daß er ihr Gesicht nicht mehr sieht, und streckt den Arm zur violetten Öffnung, in der er verschwinden soll. Sie sprechen kaum, und nicht in ihren eigenen Sprachen. Eine Frau aus einer Sandlandschaft, die ihren Durst bewahren kann. Aus dem Fremden macht man einen Hund oder einen Toten. Man behält das Gesicht für sich selbst und ist blind für das seine. Von allen Formen der Liebe ist die zwischen Unbekannten die rätselhafteste, und die überzeugendste. Sie geben einander der Stadt zurück, in der sie verschwinden müssen.

Cees Nooteboom, Selbstbildnis eines Anderen, Suhrkamp Verlag, 1996, Frankfurt am Main





Samstag, 22. Dezember 2012

V



Er ist den ganzen Tag durch die schwitzende Stadt gelaufen und wie ein Maulwurf in die U-Bahn hinein und hinaus, immer blinder ins Licht blinzelnd, wenn er wieder nach oben kam. Er hatte kein Ziel, die Stationen hatte er willkürlich gewählt, Straßen mit hohen und niedrigen Nummern, Plätze in vergessenen Vierteln, verfallene Parks mit zerstörten Schaukeln. Überall ist er umgeben von anderen Menschen, die endlosen Reihen ihrer Gesichter hat er für später eingespeichert, wenn er wieder allein sein wird. Er ist einer Frau mit einem Hund gefolgt, der nicht in Städte gehört.  Als sie hinter einer farblosen Haustür verschwanden, hatte der Hund ihn lange angesehen, wie ein Hund einen Menschen nicht anzusehen hat. Auch ihn mußte er also bewahren. Mit dem Fortschreiten des Tages sieht er, wie die Gesichter sich verändern, unerkennbar werden. Er überlegt sich, wie das bei ihm selbst ist, wagt sein Gesicht jedoch nicht zu berühren und weicht seinem Blick in den Schaufenstern aus. Als er zum letztenmal in der verformenden Nacht nach oben steigt, hört er, wie sie ihm folgen, wie nah sie schon sind. Das leise Ticken ihrer Nägel klingt wie eine immer schneller laufende Uhr.

Cees Nooteboom, Selbstbildnis eines Anderen, Suhrkamp Verlag, 1996, Frankfurt am Main


Für Katharina, heute, an meinem Tauftag. 
L.

Freitag, 21. Dezember 2012

III


Nahe beim großen Platz mit dem Obelisken steht das Gebäude mit dem Frauenkopf über dem Eingang. Die Stadt liegt auf der anderen Seite der Insel, manchmal fährt er dorthin, um diesen Kopf zu betrachten. Er ist verschleiert, aber nicht so, wie man denken würde. In den flachen Bogen über dem Tor ist ein Rechteck ausgespart, das fast zu klein für sie ist. Der Schleier bedeckt nicht den unteren, sondern den oberen Teil ihres Gesichts. Die Nase ist grob, der Kopf weiblich und sehr rund, der kleine Mund mit den vollen Lippen halb geöffnet. Die Zunge dahinter ist nicht zu sehen, könnte jedoch jeden Moment zum Vorschein kommen und flüchtig über die Lippen lecken, das hat etwas Wollüstiges. Am merkwürdigsten sind die fehlenden Augen. Sie sind da und zugleich nicht da. Das Tuch, das bis zur Mitte der Nase herabhängt, wird von irgendeiner unerklärlichen Kraft an die Augäpfel gedrückt, die steinernen Falten laufen quer über die großen Rundungen. Er denkt, daß sie blind ist, aber gerade dieses Tuches wegen, das keine Augenbinde ist, kann er es nicht erkennen. Je länger er sie betrachtet, desto geheimnisvoller wird sie. Könnte sie sprechen, so wäre es in seiner Sprache. Jedesmal, wenn er sie allein zurückläßt, hat er das Gefühl, er habe versagt. 

Cees Nooteboom, Selbstbildnis eines Anderen, Suhrkamp Verlag, 1996, Frankfurt am Main 


Mittwoch, 31. Oktober 2012

Saint-Gilles

   Ein verlorenes Dorf? Eine verlorene Stadt? Am Rande der Camargue? Staubig, schlampig, einer jener Provinzorte, in denen Simenon einen grauenhaften, aber wohldurchdachten Mord stattfinden läßt. Pharmacie, Alimentation, Tabac, das Mahnmal von 1914-18 mit all den Namen, und darunter 1940-45, viel weniger Namen, aber noch immer die gleichen. Im Krieg zu fallen ging früher in Europa vom Vater auf den Sohn über.

Nein, hier fehlt nichts. Die alte Jungfer in Schwarz, die beim Roßschlächter hundert Gramm Herz für ihre Katze holt, der abgeblätterte Putz der Häuser, in denen unsichtbare Leben verrinnen, die Platanen, die vom Mistral jedes Jahr um eine unsichtbare Winzigkeit weiter zur Erde gebeugt werden, dort aber nie ankommen werden, weil vorher die Welt untergegangen ist, und das zu Recht.

Und mittendrin steht, unerwartet, einer jener Spiegel, die Menschen errichtet haben, um sich selbst zu erkennen, ein Theater aus Himmel und Hölle, Gut und Böse, die Fassade der Kirche von Saint-Gilles. Gute siebenhundert Jahre alt und noch immer gültig. Ich erinnere mich, daß ich auf sie zuging wie eine Katze aufs Fressen, fast nichts sehend, um einfach mittendrin anzufangen, und das war rechts vom Portal, über dem ein Christus ohne Gesicht das All im Triumph durchpflügt, umgeben von den Symbolen der vier Evangelisten: dem geflügelten Mann, dem Adler, dem Ochsen und dem Löwen. Bilderstürmer sind hier am Werk gewesen, doch mit Hilfe dessen, was man von der romanischen Kunst weiß, kann man sich die Gesichter und die Attribute dazudenken, und andererseits macht gerade ihr Fehlen dieses versteinerte Universum so unendlich geheimnisvoll.

[…]

Cees Nooteboom, Die Kunst des Reisens, Schirmer / Mosel Verlag, 2004, München

Dienstag, 30. Oktober 2012

Zwischen innen und außen

   Erst einige Sekunden, nachdem Arthur Daane an der Buchhandlung vorbeigegangen war, merkte er, daß sich ein Wort in seinen Gedanken festgehakt hatte und daß er dieses Wort inzwischen bereits in seine eigene Sprache übersetzt hatte, wodurch es sofort ungefährlicher klang als im Deutschen. Er überlegte, ob das durch die letzte Silbe kam. Nis*, Nische, ein merkwürdig kurzes Wort, nicht gemein und scharf wie manche anderen kurzen Wörter, sondern eher beruhigend. Etwas, in dem man sich verbergen konnte oder etwas Verborgenes fand. In anderen Sprachen gab es das nicht. Er versuchte, das Wort loszuwerden, indem er schneller ging, doch es gelang ihm nicht mehr, nicht in dieser Stadt, die davon durchtränkt war. Es hatte sich in ihm festgehakt. In letzter Zeit ging ihm das so mit Wörtern, insofern war Haken der richtige Ausdruck: Sie hakten sich in ihm fest. Und sie hatten einen Klang. Selbst wenn er sie nicht laut aussprach, hörte er sie, manchmal schien es sogar, als schallten sie. Sobald man sie aus der Reihe der Sätze löste, in die sie gehörten, bekamen sie, falls man dafür empfänglich war, etwas Angsterregendes, eine Fremdheit, über die man besser nicht zuviel nachdachte, da sonst die ganze Welt ins Wanken geriet.

*Nis ist im Niederländischen die Endsilbe von geschiedenis, zu deutsch Geschichte.

Cees Nooteboom, Allerseelen, Suhrkamp Taschenbuch, 1999, Frankfurt am Main

Montag, 29. Oktober 2012

Träume eines Nachmittags II


   Mittag, flimmernder Asphalt, eine lächerliche, einsame Pinie wie ein Regenschirm über dem eigenen Schatten. Im Autoradio die Tenebrae von Gesualdo, Schnee auf der Sierra Nevada, Hügel mit gefältelten Füßen, Felder voller kalkfarbener Steine. Huéscar, Castril, hoch über dem Dorf eine Heiligenfigur, man sieht die alljährliche Prozession vor sich. Ich kühle mir die Hände in einem Flüßchen und höre einen Vater rufen: "Laura, Laurita, vamos a comer", "komm zum Essen!", und dann will ich Laura, Laurita sein und ebenso achtjährig wie das Mädchen, das jetzt angelaufen kommt, und ich will in das kühle Haus gehen und mich an den Tisch setzen und die heißen Stunden des Nachmittags in einem Theater sich ineinanderschiebender Träume verschlafen, aber ich darf nicht schlafen und ich darf nicht träumen, ich drehe meine ewigen Runden in der sich ständig ändernden Landschaft, Tiscar, Quesada, Oliven, Oliven, Oliven, Kurven und Kurven, bis die Frau mit der Hacke auf der Schulter, die ich gerade noch unten sah, jetzt vor mir auf der Straße steht; wie eine Ziege ist sie den Hang hinaufgeklettert und hat so die lange Kurve abgeschnitten, und jetzt will sie mit und sitzt schweigend neben mir, das Gesicht hart und braun, scharfe Augen auf die Straße gerichtet, die Hacke noch immer auf der Schulter, einen Korb mit zugeknüpftem Tuch und einen Tonkrug zwischen den Füßen, für ihren Mann sei das, er ist schon den ganzen Tag da oben, sie bringt ihm immer zu essen, wenn sie unten fertig ist, und nachts bleibt er da, dann geht sie wieder zurück, es sind mehr als fünf Kilometer, wenn sie auf der Straße geht, aber manchmal klettert sie in direkter Linie nach oben, dann ist sie schneller, und als sie aussteigt, sehe ich den Mann in der Ferne stehen, gegen die Sonne sehe ich ihn, eine Zeichnung voll ausgelaufener Tinte, die Form eines Mannes zwischen den Formen von Schafen.

Cees Nooteboom, Die Kunst des Reisens, Schirmer / Mosel Verlag, 2004, München

Sonntag, 28. Oktober 2012

[Vent]


Draußen war aus dem Wind Sturm geworden. Einen Moment lang dachte er, er könnte fliegen. Wie das wohl wäre? An all den hohen, mächtigen Häusern vorbei, nicht wie ein Vogel, sondern wie ein willenloser Gegenstand, ein Stück Papier, aufgenommen in das große Wehen, in das blasende, wirbelnde Geräusch, aller Worte dieses Abends ledig, zurück zu der früheren, so seltsamen und stillen Stunde, da jemand plötzlich vor ihm gestanden hatte in der Stille seines Zimmers, jemand, der ihn, dachte er jetzt, überwältigt hatte, der aber auch durch seine Vergangenheit gejagt und gestürmt war wie ein Orkan. Konnte das sein? In der kurzen Zeit? War jetzt etwas anderes angebrochen? An der Ecke Leibnizstraße konnte er sich kau auf den Beinen halten. Dieser Wind kam von der Ostsee oder von der Steppe irgendwo weit im Osten, von Ebenen, in denen man spurlos verschwinden konnte. Der Wind hatte alle Zweige in Peitschen verwandelt, die gegeneinander schlugen und dabei vor Schmerz wimmerten. Dieses Geräusch würde er noch die ganze Nacht hören.


Cees Nooteboom, Allerseelen, Suhrkamp Verlag, 1999, Frankfurt am Main


Samstag, 27. Oktober 2012

Von Lorca nach Úbeda / Träume eines Nachmittags I


    Kalkiger, versteinerter Boden, eingestürzte Schuppen aus Lehm, Felder mit gebleichten Weizenstoppeln, zerklüftete Berge in der Ferne, Stunden, in denen man kaum jemand sieht, wenn man anhält, hört man die Stille rauschen. Wage es keiner, von Eintönigkeit zu sprechen, denn noch am selben Tag sieht man Bahnen aus purem Gold, die sich bis zum Horizont erstrecken, sieht man, wie Stiere sich an sumpfigen Ufern suhlen, sieht Oasen mit kleinen Gehöften, die so weiß gekalkt sind, daß man ohne Sonnenbrille nicht hinschauen kann, der Weg, den man fahren muß, besteht aus närrischen Schlenkern zwischen Hunderttausenden vo Olivenbäumen, der Traum eines Verrückten, wenn man hier lange genug fährt, ist man dankbar für ein Getreidefeld oder eine einzelne Pappel. Wer hier lebt, muß diesen Landschaften so verlfallen sein wie der Seemann dem Meer, nach Stunden kann man es fast nicht mehr aushalten, die Hitze verstärkt die Ekstase noch, Disteln benehmen sich wie Orchideen, und gerade, als man glaubt, das Auge könne soviel Leere nicht mehr ertragen, passiert es: Der Weg, dem man, links und rechts begleitet von festungsartigen Tafelbergen, stundenlang gefolgt ist, macht eine schwache Biegung, die Landschaft verändert sich, der Weg senkt sich zu etwas hinab, das ein Tal sein muß, dessen Fluß jedoch tief versteckt oder eingetrocknet ist. Die Augen schmerzen bereits seit Stunden vom Licht, der Boden, dessen Farben man nicht mehr benennen kann, weil man es schon zu oft versucht hat, der aber jedenfalls die Farbe von Erde hat, weil die Verlockung anderer, wollüstigerer Farben durch die Art des Ortes oder der Jahreszeit entfallen ist, scheint nach allen Richtungen hin weiterzugehen, soweit das Auge reicht. Und dann, erst noch wie eine Form der Landschaft selbst, dann wie ein vorzeitliches großes, totes Ding, liegt irgendwo auf einem Hügel oder an einer Bergwand, getarnt mit den Farben der Gesteinsart ringsum, eine Burg, ein Kastell, ein Fort, geöffnet von Wind und Zeit, kahl, ausgehöhlt, oder verschlossen, ohne Zähne und Augen, so undurchdringlich wie das Gesicht eines Toten. Sie sind zu groß für unser Maß, in ihrem Umkreis ist kein oder fast kein Leben, das sie rechtfertigt, es sind Relikte aus einer Zeit, in der die Menschen viel größer gewesen sein müssen, aber das waren sie nicht.

Cees Nooteboom, Die Kunst des Reisens, Schirmer / Mosel Verlag, 2004, München